Cay Rademacher: Bedrohliche Alpilles, Ein Provence-Krimi mit Capitaine Roger Blanc, Dumont Verlag, Köln 2026, 525 Seiten, €18,00, 978-3-7558-0045-3
„Jeder Mensch tut harmlose Dinge, die im Licht von Mordermittlungen plötzlich seltsam,
unerklärlich, gar verdächtig wirken, obwohl es doch nur Zufälle sind.
Nur: In diesem Mordfall gab es definitiv bereits viel zu viele davon.“
Vor sechs Jahren geschah am Fuß der Alpilles im Vallon des Glauges ein grausames Verbrechen. Die deutsche Familie Mayer, die bereits seit zehn Jahren in der Provence in Eyguiéres lebte, wurde in ihrem Auto auf einem abgelegenen Parkplatz mit einer Schweizer Armeepistole erschossen. Der neununddreißigjährige Damian Mayer arbeitete als gefragter Restaurator in den umliegenden Kirchen und Burgen und seine Frau Ute kümmerte sich um das Ferienhaus, dass die Familie vermietete. Beider Tochter, die sechsjährige Carla, saß auf der Rückbank und wurde von dem Täter oder der Täterin schwer verletzt. Starben die Eltern noch vor Ort, so überlebte das Mädchen. Getötet wurde aber auch Patrick Gravet, der zum falschen Zeitpunkt am falschen Ort bei seiner Radtour durch die Schüsse angelockt, wohl zu Hilfe eilen wollte. Bei aller Tragik war es dann ein Glück, dass die kinderlose Sophie Gravet Carla, die sie seit ihrer Geburt kennt und ihre Patentante ist, adoptieren durfte. Nie wurde auch nur ein brauchbarer Ansatz eines Motivs für die Ermordung der drei Menschen gefunden.
Doch nun soll sich Capitaine Roger Blanc in seiner neuen Einheit in Salon-de-Provence diesen Cold Case wieder aufrollen. Viele wichtige Spuren wurden zur damaligen Zeit, ebenfalls ein heißer Sommer, durch den Einsatz eines Hubschraubers, der die kleine Carla ins Krankenhaus geflogen hat, vernichtet. Nach und nach kommt Roger Blanc, an seiner Seite arbeitet jetzt Lieutnant Fabienne Souillard, aber auch zeitweise Lieutnant Marius Tonon, mit allen Menschen in Kontakt, die Aussagen zu dem damaligen Fall machen können. Am schwierigsten sind natürlich die Befragungen der heute zwölfjährigen Carla und Sophie Gravet. Auch wenn der Kreis der Personen klein ist, jeder jeden kennt und schätzt oder verachtet, erlangen die Ermittler zu Beginn keine neuen Erkenntnisse. Auffällig ist die deutsche Familie Kühne, die zum Zeitpunkt des Mordes sich damals in unmittelbarer Nähe aufhielt. Als der Reitstallbesitzer und Politiker Frédéric Fénogli die Toten fand, konnte er mit seinem Handy nicht telefonieren. Hilfe erhoffte er von dem Rentnerpaar, doch die Kühnes verweigerten alles, da sie im Ausland keinen Ärger wollten. Dabei kannten sie die Familie Mayer bestens und wohnten auch im Sommer jahrelang in ihrem Ferienhaus. Jetzt haben sie das sehr gut erhaltene Haus der Mayers von Sophie Gravet gekauft. Als Roger Blanc die wohlhabende Familie aufsucht, verwundert ihn, dass sie bei ihren Bauarbeiten im Haus offenbar etwas suchen. Im Laufe der Gespräche schält sich immer mehr heraus, dass es bei diesem Fall einfach zu viele Zufälle gibt, denn alle Befragten scheinen irgendwie voneinander abhängig zu sein. Außerdem stellt sich bei einem ungewöhnlichen Einsatz nach Duftspuren heraus, dass auch Sophie Gravet im teuren Auto von Damian Mayer gesessen haben muss. Der Provinzpolizist Jean – Michel Zulesi, der alle kennt und gut beobachtet, wusste von dem Liebesverhältnis zwischen Damian und Sophie. Verwunderlich ist auch, dass Carla immer wieder von nur acht Schüssen statt neun berichtet, die aus der Pistole abgegeben wurden. Und natürlich ist im Visier der Ermittler auch der unbequeme Konkurrent und Restaurator Emanuel Bartelt. In der Biografie von Ute Mayer entdecken die Ermittler acht Jahre, in denen sie nicht in Deutschland gelebt hat. Weiterhin hatte Ute Mayer Frédéric Fénogli bei der Polizei angezeigt, da dieser angeblich Carla während des Reitunterrichts zu nahe gekommen sei. Damian Mayer jedoch war von Fénoglis Aufträgen abhängig und beschwichtigte.
Roger Blanc und seine Kollegen werden im Laufe der Recherchen vieles aufdecken, wonach die Vorgänger bei diesem Fall nie gefragt haben. Spielen ominöse Landverkäufe und Rückkäufe eine Rolle, aber auch der Handel mit antiquarischen Büchern und Artefakten der Provence in der reichen Schweiz, aber auch verschüttete Erinnerungen, so bleiben doch auch die alten Mordmotive, wie Liebe, Eifersucht und Geld ebenfalls evident.
Cay Rademacher hat sich einen verzwickten, gut konstruierten Plot ausgedacht, in dessen Verlauf immer wieder neue Wendungen zum dramatischen Ende führen und die Spannung bis zum Ende aufrechterhalten wird.
Weitere Besprechungen der Roger Blanc – Reihe sind in diesem Literaturblog zu finden!