Michael Hjorth, Bjarni Thorsson: Schlafende Vulkane, Aus dem Schwedischen von Wibke Kuhe, Rowohlt Verlag / Wunderlich, Hamburg 2026, 477 Seiten, €24,00, 978-3-8052-0131-5
„Sie versuchte, einen unbeschwerten Ton anzuschlagen. Die ganze Situation machte ich furchtbare Angst, aber in ihrem tiefsten Inneren spürte sie auch eine wachsende, unerbittliche Wut. Alles war so schrecklich ungerecht. Sie hatte Tag und Nacht gearbeitet, um den Mörder zu finden, und jetzt war sie plötzlich selbst die Gejagte. Eine seltsame Mischung aus Gefühlen überwältigte sie. Helga wollte zugleich fliehen und kämpfen.“
Südlich von Reykjavik liegt die malerische Hafenstadt Hafnarfjörður. Hierher ist die junge Ermittlerin Helga Jónsdóttir mit ihrer kleinen Tochter Íris Sara von Stockholm aus gezogen. Die Ehe der Fünfunddreißigjährigen wurde geschieden und das Verhältnis zum Ex-Mann Stefan ist mehr als angespannt. In ihrem neuen Team im Dezernat für Gewaltverbrechen ist Helga als polizeiliche Berufsanfängerin, vorher hat sie in einem Jugendamt gearbeitet, durchaus anerkannt. Nur der korpulente und bei den Kollegen eher als faul angesehene Benni macht ihr mit seinen spitzen wie fiesen Bemerkungen das Arbeitsleben schwer; zumal sie zum ersten Mal einen eigenen Fall übertragen bekommen hat. Die attraktive, geschiedene Guðný Axelsdóttir, im gleichen Alter wie Helga, wurde nackt mit aufgerissenem Mund in einer leeren Pferdebox gefunden. Der Mörder hat sie auf grausige Art getötet und dann vergewaltigt. Später wird sich herausstellen, dass er die Aufnahmen von der Tat im Darknet verkauft hat. Beinahe hätte er auch noch Kristófer, Guðnýs zehnjährigen Sohn im Haus überfallen, aber der Junge konnte fliehen.
Parallel zur chronologisch erzählten Handlung gewähren Michael Hjorth und Bjarni Thorsson in den kursiven Passagen Einblicke in das Leben des skrupellosen Täters, der als freundlicher, scheinbar unbedarfter Studierender oder Postbote seiner Arbeit nachgeht.
Als klar wird, dass Kristófer in die Lavafelder gelaufen ist, muss Helga schnell handeln. Zum Glück gibt Lárus Ásmundsson, Helgas Vorgesetzter, ihr den Tipp sich an Bjarki Guðmundsson, der auch Grettir genannt wird, zu wenden. Grettir ist ein außergewöhnlich großer Mann, der als Volkspolizist, aber auch beim Rettungsdienst arbeitet. Seine Methoden sind nicht immer regelkonform und Anweisungen nimmt er auch nicht gern entgegen. Mit Helga zusammen wird er den völlig ausgekühlten Jungen in einer Höhle finden. Mit ihren Kollegen, u.a. der taffen Yvette Delič kommt Helga, die einfach nicht versagen darf, dem Täter ziemlich nah, bis ein zweiter Frauenmord nach dem gleichen Muster geschieht.
Michael Hjorth und Bjarni Thorsson erzählen ihren spannenden Thriller multiperspektivisch. Aus der Sicht von Helga, Bjarki, Kristófer, aber auch Helgas Kollege Gunnar Kirstjánsson und weiteren Figuren, jeweils in der dritten Person geschrieben, treiben sie die Handlung temporeich voran.
Nach und nach wird deutlich, dass der Täter es auf Frauen mit Kindern abgesehen hat, deren Alltag er ohne Probleme in den sozialen Medien verfolgen kann. Angetrieben von Frauenhass, Allmachtsfantasien, religiösem Wahn und Geldgier kann er immer wieder im letzten Moment den Ermittlern entwischen. Hatte sich Helga zuerst auf den Ex-Ehemann von Guðný, dem ersten Opfer festgelegt, und ihn auch mit Hilfe von Bjarki aufgespürt, so können sie ihn doch nur wegen Drogenhandels festsetzen. Mit polizeilicher Klein- und Fleißarbeit vermögen die Ermittler um Helga, bedingt auch durch die Aussage einer Frau, die der Täter dann ebenfalls ins Visier nimmt, näher rücken. Doch mit jedem Frauenmord erhöht sich der Druck auf die Ermittler und Helga gerät selbst in die Schusslinie. Beschützen, so glauben die Ermittler, kann sie nur Bjarki in einer abgelegenen Region. Doch auch diese Idee durchkreuzt der Täter, dessen Name von den Ermittlern endlich herausgefunden wurde.
Der Schwede Michael Hjorth und der Isländer Bjarni Thorsson spannen in ihrem ersten Island-Thriller ein ungewöhnliches Paar zusammen, dass sicher noch weitere Fälle lösen wird. Auch der Blick auf die gesellschaftlichen Zustände, in denen Frauen um ihre Rechte kämpfen und sich gegen kontrollierende Väter, Partner, Ex-Partner und missgünstige Kollegen durchsetzen müssen ist ein Thema, dass nach wie vor aktuell ist und an Brisanz kaum verloren hat.
Empfehlenswert!