Chris Warnat: Vier Minuten Stille – Und dann kam der Sturm, Penguin Verlag, München 2026, 416 Seiten, €16,00, 978-3-328-11398-0
„Die Fotos, die sie im Haus sicherstellten, sind ihm noch sehr präsent. Und das Funkeln in ihren Augen auf den älteren Aufnahmen, vor Loucas Geburt. In den Jahren danach erlosch es, bis ihr Blick stumpf ins Leere ging. Etwas ist geschehen. Etwas so Einschneidendes, dass es Rahels Leben irreparabel in ein Davor und Danach spaltete. Das sie aus dem Rampenlicht vertrieb und in die Depression drängte.“
Kriminalhauptkommissar Wase Rahimi ist vom Anblick der von Schnee bedeckten, fast nackten, sehr dünnen, toten Frau im Gartenstuhl vor dem Haus erschüttert. Seltsamerweise hält sie eine Flasche Wodka in der Hand, ihre Kleidung liegt verteilt im Garten und auf dem Kopf trägt sie eine dicke Wintermütze. Diese verdeckt, dass das Opfer Rahel Winter mit einem Backstein erschlagen wurde. Die fünfunddreißigjährige, einst doch sehr bekannte Schauspielerin hatte so einige Psychopharmaka geschluckt. Gemeinsam mit seinen Kollegen wird der attraktive, großgewachsene Hamburger Ermittler Wase Rahimi mit dem Silberdutt der üblichen Polizeiarbeit nachgehen und feststellen, dass Rahels fünfzehnjährige Tochter Louca nicht mehr im Haus der Mutter wohnt. Als die Polizisten sie endlich in einem Bauwagen finden, befragen sie sie auf der Polizeiwache. Doch kaum begonnen, taucht auch schon die aus dem Fernsehen bekannte, charismatische Psychologin Mona Winter, die Schwester der Toten und Tante von Louca auf und nimmt das Mädchen mit.
Parallel zu diesem Fall begegnet Rahimi dem ehemaligen Kommissar Lennart Bär, der Mona und Louca von der Wache abgeholt hat. Lennart Bär sucht seit sechzehn Jahren seinen Sohn Paul, der von seiner Reise nie zurückgekehrt ist. Bärs todkranke Frau, die im Hospiz liegt, wünscht sich vor ihrem Tod nur eins, sie möchte ihren Sohn in die Arme schließen. Rahimi und Bär kennen sich, seit dem Tag als der Polizist den Jungen beim Klauen erwischt hatte. Gerade hatte Rahimis afghanischer Vater die Familie verlassen und seine Mutter musste die Familie über Wasser halten. Aus dieser ersten Begegnung wurde eine enge Freundschaft und Rahimi ist auch wegen Bär zur Polizei gegangen. Bär hat all sein Erspartes in die Suche nach dem Sohn investiert und beginnt, an der erfolglosen Recherche langsam zu zerbrechen. Auch Rahimi kann ihm nicht helfen und muss hilflos zusehen, wie sein väterlicher Freund gegen Regeln verstößt und vor allem innerlich wie äußerlich keinen Halt mehr findet. Bei den DNA-Tests am Tatort stellt sich dann jedoch heraus, dass Paul im Haus gewesen sein muss.
In Rückblenden erinnert sich Rahel an einen Sommer am Badesee, in dem sie bei einem Festival Paul kennengelernt und sich schnell verliebt hat. Getrübt wurde diese Begegnung durch die Nachstellungen eines anderen Freundes, der die Trennung von Rahel nicht verkraftet hatte.
Nach und nach versteht Bär, wenn er Louca ansieht, dass sie, und ein weiterer Test belegt dies auch, Pauls Tochter ist. Doch wo ist Paul? Was ist mit ihm geschehen? Und warum wurde Rahel erschlagen? Und warum hat jemand versucht, Rahels Haus abzufackeln? Dabei hatte Rahel hart daran gearbeitet, ihrer Alkoholsucht zu entgehen. Sie hatte nach dem Tod der Mutter, die sich um Louca gekümmert hat, ihre Karriere am Theater aufgeben müssen. Doch das Zusammenleben mit einer tablettenabhängigen, depressiven Mutter konnte dem Kind nicht guttun.
Da Rahimi sich doch immer mehr um Bär kümmert und auch dieser am Todestag von Rahel bei ihr war, muss er die Leitung des Falles an die Hauptkommissarin Emma Paulsen abgeben.
Als die Ermittler auch durch Loucas Hinweise erkennen, dass Rahel, die weder in den sozialen Medien präsent ist, noch jemandem folgt, einen Stalker hat, nimmt die polizeiliche Arbeit Tempo auf.
Chris Warnat nimmt sich viel Zeit, um das vergangene wie gegenwärtige Leben von Rahel vor den Augen der Lesenden ablaufen zu lassen. Die Autorin erzählt multiperspektivisch und verliert sich zu gern in prosaische wie atmosphärisch genaue Beschreibungen der Natur und viele Details, die ihre Figuren betreffen. Und sie scheut auch nicht davor zurück, einzelne Szenen in Comicmanier zu schildern.
„Sie blitzt Emma und Rahimi auf eine Art an, die ihm durch und durch geht. Wäre dies ein Cartoon, sie beide wären auf der Stelle zu Asche zerfallen. Puff!“
Am Ende dreht sich alles in dieser packend erzählten wie berührenden Handlung nicht nur um einen Mord, sondern um drei Todesfälle. Es geht um Erpressung wie Geldgier, ein bedrückendes Schweigen, Familienkonflikte, eine unglückliche Liebe, tiefe Verzweiflung und Loyalität.
Keine Frage – eine Entdeckung!