Charlotte Link: Kalte Tage, Blanvalet Verlag, München 2026, 624 Seiten, €26,00, 978-3-7645-0798-5
„Sämtliche ihrer inneren Alarmglocken schrillten ohrenbetäubend laut. Ein Mann, der beide entführten Frauen gekannt hatte. Der durch ein etwas gestörtes Verhalten auffiel. Der mit Sicherheit ein Problem mit Frauen hatte und kaum eine Chance, eine Beziehung zu finden.“
Detective Inspector Kate Linville ist mit ihrer Katze Messy in ein einsames Haus am Meer in Robin Hood’s Bay gezogen und kann sich einfach nicht dazu durchringen, die Kisten endlich auszupacken.
Nach dem Tod von Caleb Hale, den sie auf ihre Weise sehr geliebt hat, kommt die neunundvierzigjährige Ermittlerin einfach nicht aus ihrem Schneckenhaus heraus. Es ist Neujahr. Scarborough ist verschneit und die Luft ist erstaunlich kalt. Kate hat Urlaub und ahnt, als das Telefon klingelt, dass es Arbeit gibt. Die zweiundzwanzigjährige, sehr attraktive Gillian hat sich über Tinder mit einem gewissen Peter McLean zu einem Date im Pub getroffen. Allerdings ist sie nicht mehr nach Hause zurückgekehrt. In der Nacht hören die Eltern einen Einbrecher, der offensichtlich mit Gillians Schlüssel ins Haus gekommen ist. Er tötet Gillians Vater, der ihn überwältigen wollte, und fesselt seine Mutter. Dann räumt er in aller Ruhe die persönlichen Sachen von Gillian in eine Tasche und fährt mit dem Familienauto, dass so seine Macken hat, einfach davon. Es ist eine gespenstische Situation, die Gillians Mutter in ihrem Schmerz kaum verkraften kann. Von einem Tag auf den anderen bricht in den ganz normalen Alltag das Unheil ein und nichts wird mehr so sein, wie es einmal war. Genauso ergeht es Julia Raid, die auf ihrem Instagram Account der weiten Welt gern glücklich demonstriert, wie komfortabel und luxuriös ihr Leben ist. Als ihr Ehemann, William Raid, auf seinem Weg zu einem Immobilienhändler nichts ahnend anhält, um einem unscheinbaren Mann und seiner offenbar sehr verängstigten, aber bildschönen Freundin bei ihrer Autopanne zu helfen, ahnt er nicht, dass er sein eigenes Schicksal besiegelt hat. In kursiver Schrift abgesetzt vom Handlungsgeschehen berichtet Julia, die für ihren Mann immer perfekt funktionieren muss und Aufmerksamkeit durch die sozialen Medien benötigt, aus der Ich-Perspektive von ihrem Zusammenleben mit William und beider Sohn Leo, der in der Pubertät ist. Nichts, was von außen so harmonisch und entspannt wirkt, entspricht den wahren Geschehnissen hinter verschlossenen Türen.
Ein ähnlicher Fall, wie der von Gillian, ist der Familie Casado vor einem Dreivierteljahr widerfahren. Marcella Casado wurde durch einen Mann entführt, in dessen Auto sie gestiegen ist. Offensichtlich kannte sie ihn und fühlte sich auch nicht bedroht. Auch dieser Mann ist in ihr Haus eingebrochen, zum Glück waren Marcellas Eltern unterwegs, und hat ihre Kleidung mitgenommen.
Gemeinsam mit Detective Chief Inspector Andrew Seymour aus Hull wird Kate nun zusammenarbeiten. Sie bemerkt nicht, dass der neue Kollege zu gern Zeit mit ihr verbringen will. In ihrer spröden Art lehnt Kate jegliche Nähe ab und kann gar nicht fassen, dass sie für einen gut aussehenden Mann, der getrennt lebt und eine pampige, sechzehnjährige Tochter hat, interessant sein könnte.
Einsamkeit, Krankheit, Verlust, Trauer und die innere wie äußere Kälte sind die Themen dieses Seiten starken, äußerst spannenden Romans, denn nicht nur Kate ist allein, sondern auch der Täter, der mit einem Fake – Profil eine weitere sehr junge, verletzliche Frau über die sozialen Medien anschreibt, was ihm zum Verhängnis wird. Über eine lange Zeit finden die Ermittler kein übergreifendes Motiv, das die jungen Frauen verbindet, bis Kate endlich die richtige Spur verfolgt und ahnt, dass sie nicht mehr viel Zeit haben, um die entführten Frauen zu finden. Und natürlich wünscht man Charlotte Links Hauptfigur, dass sie endlich mal Wärme in ihrem Privatleben spürt und vielleicht ein bisschen glücklich werden kann.
Die Handlung dieses Romans von Charlotte Link berührt, denn nichts muss furchtbarer sein, als einem Psychopathen ausgeliefert zu sein. Allerdings gibt es nicht nur seit gestern genug Warnungen, wie gefährlich Online-Bekanntschaften sein können.
Eindeutig nichts für sensible Gemüter.
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