Lucy Foley: Mord im Grand Alpine Hotel – Ein neuer Fall für Miss Marple, Aus dem Englischen von Maria Hochsieder, Penguin Verlag, München 2026, 400 Seiten, €24,00, 978-3-328-60516-4

„Miss Marples Gesicht hat eine beunruhigende Wandlung vollzogen. Die weichen Züge sind verschwunden, ihre Miene ist hart und unerbittlich. Die verwaschenen blauen Augen wirken kalt und stählern. Würde ich es nicht selbst erleben, hielte ich es für unmöglich, aber diese ältliche Dame, die manchmal etwas wacklig auf den Beinen ist, gerne mal vom Thema abschweift und sich Träumereien hingibt, erinnert mich plötzlich an ein Abbild eines ehrfurchtgebietenden geflügelten Wesens aus einer altertümlichen Sage. Sogar ihre Statur scheint größer. Es jagt mir einen Schauder über den Rücken.“

Normalerweise ist Miss Jane Marples Erscheinungsbild ein völlig anderes. Sie sitzt eher mit ihrem Strickzeug im Hintergrund und hört genauestens zu, was die Leute so um sie herum von sich geben. Natürlich wird die weißhaarige Dame in ihrer altjüngferlichen Kleidung und mit ihrer altmodischen Frisur unterschätzt. Niemand ahnt, wie gut sie ihre Umgebung beobachtet. Und ehe die Amateurdetektivin wirklich so richtig ärgerlich wird, muss schon so einiges geschehen. Und das wird es, denn gleich zu Beginn wird ein toter Mann in der Seilbahn entdeckt.
Lucy Foley, selbst eine äußerst erfolgreiche Krimiautorin, schreibt nach der Rechtefreigabe und mit der Erlaubnis der Erben im Stil der berühmten Agatha Christie ihren ganz eigenen originären Miss Marple Roman. Als Handlungsort hat sich die englische Autorin ein verschneites Schweizer Hotel in den Alpen im Jahr 1950 ausgesucht. Gemeinsam mit der Witwe Mrs Bantry und deren Gesellschafterin Diana Glass will Miss Marple, die eher die Wärme bevorzugt, ein paar Tage in der wunderbaren Schneelandschaft verbringen. Lucy Foley lässt die dreißigjährige Diana Glass aus ihrer Perspektive von dieser Reise erzählen. Weiterhin kommt die Politikergattin Catherine Narracott zu Wort, ein alter Freund von Catherine Narracotts Ehemann Anthony, der Brune Crane heißt und die bekannte, amerikanische Schauspielerin Sylvia Sinclair. Es ist eine illustre Gesellschaft von Engländern und Engländerinnen, die sich dem Müßiggang hingeben können. Allerdings nicht alle, denn Bruno Crane, dessen Schiebergeschäfte nicht mehr florieren, trifft sich mit seinem alten Kriegskameraden Anthony Narracott, um hier das Nazigold, für dass sie Angehörige der Résistance ermordet hatten, endlich auszugraben. Anthony Narracott gibt sich in der Öffentlichkeit als jovialer Politiker, aber ohne Publikum ist er ein egoistischer, rücksichtsloser wie hinterhältiger Mann, der seine Frau Catherine nur wegen ihres Geldes geheiratet hat und sich mit ihr langweilt. Eigentlich sollte seine Frau auch zu Hause bleiben und kaum erfreut ist er, dass Sylvia Sinclair, seine Geliebte, deren Filmkarriere stagniert, ebenfalls im Hotel wohnt. Als dann jedoch festgestellt wird, dass der Tote in der Seilbahn der englische Politiker ist und der verschlagene Bruno Crane als Verdächtiger offenbar mit der Bahn fliehen will, was zu aller Erstaunen die taffe Diana Glass verhindert, aber damit auch den Zugang zum Hotel blockiert, beginnt die Handlung, die vorher so dahinplätscherte, Tempo aufzunehmen. Im verschneiten Hotel, abgeriegelt von der Außenwelt, versucht neben Miss Marple, ein angeblicher französischer Kommissar die Ermittlungen aufzunehmen. Bruno Crane stellt fest, dass das ersehnte Gold aus der Hütte, verschwunden ist. Sein Erpressungsversuch kostet ihn das Leben. Wie auch in anderen Agatha Christie Romanen verbergen die handelnden Personen Geheimnisse und verstecken sich hinter falschen Identitäten. Gekonnt konstruiert Lucy Foley vor dem Hintergrund der Nachkriegszeit, in der viele Wunden noch offen sind, eine spannende Handlung rund um die berühmte Miss Marple, die längst durchschaut hat, dass z.B. Diana Glass, die sehr gern fotografiert, ganz gezielt Mrs Bantry eine Reise in die Berge eingeredet hat. Und dass Catherine Narracott mit ihrem Dasein als brave, blasse Ehefrau hadert, bleibt auch den Beobachtungen von Miss Marple nicht verborgen. Lucey Foley rückt in ihrem unterhaltsamen Roman die starken Frauenfiguren, die ihren gesellschaftlichen Zwängen entfliehen wollen, ins Zentrum und gibt ihnen – neben Miss Marple – allen Spiel- und Handlungsraum, den sie im Guten wie im Bösen benötigen.

Weitere Besprechungen von Krimis von Lucy Foley in diesem Literaturblog:

Lucy Foley: Abendrot

Lucy Foley: Mittsommer