Peter James: Der Tag des toten Falken, Aus dem Englischen von Werner Löcher-Lawrence, Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg 2026, 527 Seiten, €22,00, 978-3-455-02215-5

„Suchten sie nach einem einsamen Wolf, oder war der Schütze Teil einer terroristischen Vereinigung? Jemand mit Groll auf die Monarchie oder die Königin im Besonderen? Oder war es jemand, der eine Rechnung mit dem Privatsekretär zu begleichen habt hatte? Wie bei eigentlich allen Mordermittlungen lag die Antwort beim Motiv.“

Das englische Königshaus übt auf viele Menschen, aus welchen Gründen auch immer, eine besondere Faszination aus. Sogar die Deutschen, die ihren Kaiser 1918 nach seiner Abdankung gnädig außer Landes verwiesen haben, lechzen nach spektakulären Neuigkeiten von den britischen Monarchen, die wie unser Bundespräsident ihr Land nur nach außen hin repräsentieren, und nichts zu entscheiden haben. Allerdings sind König Charles III. und Königin Camilla aus dem Hause Windsor um Längen reicher als Familie Steinmeyer. Allein die Sammlung an Kunstschätzen, die sich im Buckingham Palace und in weiteren Anwesen der Familie befindet, beläuft sich auf eine Million Objekte. Das kann schon Begehrlichkeiten wecken.
Auf jeden Fall ist am Beginn des Romans von Peter James, dessen Detective Superintendent Roy Grace die echte Königin Camilla als literarische Figur sehr schätzt, alles in Ordnung. Die fiktive Königin Camilla begibt sich auf eine kurze Reise mit der königlichen Eisenbahn Richtung Brighton, um dort mehrere Hospize zu besuchen. Da die Bahn ziemlich kostenintensiv, aber gemächlich vor sich hin tuckert, geschieht bei der zum Glück nur erschreckenden Entgleisung in einem Tunnel sehr wenig. Unangenehm ist nur, dass die Königin und ihre gesamte Entourage nun über die Schottersteine balancieren muss und der Lokführer befürchtet, dass der Gegenzug kollidieren könnte. Was alles andere als ärgerlich, dafür wirklich gefährlich ist, ist, dass unweit des Tunnelausgangs ein Sniper auf die Gestrandeten wartet. Doch wen wird er erschießen? Ist er einer von den Nicht-mein-König-Brigaden oder was steckt hinter dem Anschlag?
Getroffen wird dann mit zwei Schüssen nicht die Queen, sondern ihr Privatsekretär Sir Peregrine Greaves, den die anderen gern den Falken nennen. Nach der Evakuierung der königlichen Majestät, die nicht allzu gern mit dem Hubschrauber fliegt, beginnt auch schon das Gerangel um die Kompetenzen. Die Anti-Terrororganisation der Met meldet sich sofort vor Ort und will die Ermittlungen an sich reißen. Aber Detective Superintendent Roy Grace, der für Sussex zuständig ist, ist fest der Meinung, dass diese Mordermittlung ihm zusteht, da er überzeugend darlegen kann, dass nicht Königin Camilla das Ziel dieses Anschlags war, sondern wirklich nur der arme Peregrine. Doch warum hat sich jemand solch eine Mühe gegeben, alle Aufmerksamkeit auf die Queen zu lenken? Und wo ist das Motiv?
Voller Ehrfurcht vernehmen Grace und sein engster Mitarbeiter DI Glenn Branson die Queen im Buckingham Palace. Und nebenbei bekommen sie auch noch eine Führung durch die Kunstschätze des Hauses, die Camilla so liebt. Seltsam ist nur, dass ein sehr wertvolles Gemälde vom berühmten Maler Vermeer nicht mehr an der Wand hängt. Da seit acht Jahren bereits die Bauarbeiten im Buckingham Palace andauern, räumen die Bauarbeiter angeblich die wertvollen Objekt mal hierhin und mal dorthin und die Treuhänderin der National Gallery, Lorraine McKnight, und ihre Stellvertreterin Rose Cadoret haben wohl etwas die Übersicht über all die Kostbarkeiten, die allzu gern in den Häusern von Oligarchen stehen oder hängen würden, verloren. Nach vielen ausführlichen Befragungen, insbesondere des Personals, unter denen zum Teil interessanterweise einstige, hoch dekorierte Kämpfer und Kämpferinnen aus Afghanistan, u.a. auch Scharfschützen, weilen, bleiben viele Fragen offen. Allerdings erzählt die Witwe des Opfers, dass ihr Mann ein Tagebuch geführt hat und dort wichtige Beobachtungen, allerdings verschlüsselt, festgehalten hat. Keine Frage, im Buckingham Palace hinter dem Rücken der Royals braut sich etwas zusammen und es wird nicht bei einer Leiche bleiben. Denn wenn es um sehr viel Geld geht, dann endet alle Loyalität und Treue in Windeseile. Roy Grace wird diesen Fall mit legalen und vielleicht nicht so legalen Mitteln lösen. Aber was macht man nicht alles für die Monarchie.
Spannend liest sich diese gut erdachte Handlung im Umfeld der Windsors, die die Lesenden mitten hinein ins Allerheiligste der britischen Nation führt. Ganz nebenher werden alte Geschichten über die traditionstreuen Vorfahren von Charles und Camilla erzählt und die Königshäupter stellt der Autor, der immerhin mit dem Order of the British Empire ( OBE ) ausgezeichnet wurde, respektvoll als willensstark, freundlich und vor allem pflichtbewusst dar. Da ist kein Augenzwinkern und auch keine leise Kritik, sondern nur Bewunderung und Ehrfurcht.
Und so schreibt Queen Camilla: „I absolutely love it.“
Dem können sich sicher viele Lesenden, insbesondere diejenigen, die sich für das britische Königshaus interessieren, anschließen.