Ragnar Jónasson: Stille, Aus dem Isländischen von Anika Wolff, btb Verlag, München 2026, 320 Seiten, €17,00, 978-3-442-75932-3

„All die Tragödien. Er liebte Rätsel, Dinge zu erkennen, die andere nicht sahen, das Puzzle aus Fakten, Gefühlen und Indizien zusammenzusetzen. Im Grunde war das Beste am Beruf des Polizisten das, was ihm auch gute Kriminalromane gaben.
Vielleicht war das alles ein großer Irrtum, vielleicht hatte er einfach seinen Beruf verfehlt.“

Der Ermittler Helgi Reykdal ist der Nachfolger von Hulda Hermannsdóttir, die bereits im Vorgängerband „Frost“ auftaucht, aber auch eine imposante Hauptrolle in weiteren Romanen des isländischen Autors spielt. Helgi liebt Kriminalromane, insbesondere die von bereits verstorbenen Autoren. Zu gern sitzt er im Urlaub in seinem Antiquariat in Akureyri, unweit der Wohnung seiner kranken Mutter, und stöbert in den Neuzugängen. Und Helgi ist ein eifriger Leser. Welcher Polizist hortet in seinem Büro Bücher und hat sogar noch die Zeit während der Ermittlungen einen Krimi nach dem anderen zu lesen? Helgi schon, und da sein Vorgesetzter Magnús, den Helgi nicht sonderlich schätzt, davon weiß, und ihn vielleicht insgeheim belächelt, soll sich der buchaffine Ermittler auch um einen Vermisstenfall kümmern, der möglichst nicht publik werden soll. Die berühmte, siebzigjährige Kriminalautorin Elín S. Jónsdóttier, die in zwanzig Jahren zehn Bestseller geschrieben hat, ist wie vom Erdboden verschluckt. Öffentlich wurde nach ihrem letzten Werk bekannt, dass sie nun nichts mehr schreiben würde. Durch die Handlung des Buches zieht sich ein Interview mit der Autorin aus dem Jahr 2005, die darin über ihr Schreiben berichtete und sich persönliche Fragen allerdings verbeten hatte. Auch Hulda, Helgis Vorgängerin bei der Polizei in Reykjavík taucht nicht mehr auf. Was ist mit ihr geschehen? Helgi begibt sich auf ihre Spuren.
Parallel zur Handlung im Jahr 2012 erzählt Ragnar Jónasson von einem wahnwitzigen Unternehmen, dass mehrere Leute 1965 austüfteln. Sie wollen eine Bank überfallen, da es angeblich kaum Sicherheitsmaßnahmen gibt. Allerdings geht so einiges schief und Einar Másson wird geschnappt. Gut elf Jahre wird er im Gefängnis seine Strafe absitzen und nie verraten, wer seine Komplizen waren. Hulda hat ihn noch 1976 kennengelernt.
Helgi jedenfalls klappert nun den kleinen Freundeskreis der allein lebenden Elín ab und kann über den Anwalt nur einen nahen Verwandten, den eigentlich nur der Nachlass seiner Tante interessiert, ausmachen.
Nichts scheint auffällig zu sein. Elíns Verlegerin Rut hat das Verschwinden ihrer Autorin bei der Polizei gemeldet. Rut und ihr Mann Thor sind mit Elín befreundet, aber auch die Richterin Lovísa, die nun bereits in Pension ist. Alle kennen sich seit Studentenzeiten, haben sich regelmäßig getroffen und waren besorgt, als Elín nicht mehr auftauchte.
Neben der Polizeiarbeit beschäftigt Helgi das seltsame Verhalten seiner Ex-Freundin Bergþóra, die neuerdings Helgis neuer Partnerin Aníta auflauert und ihr Lügen erzählt. Helgi schämt sich dafür, dass er Bergþóra nie für ihre gewaltsamen Übergriffe angezeigt hatte. Auch Aníta erzählt er kein Wort davon. Helgi kommt bei seinen Recherchen und Befragungen nicht so richtig voran, bis Rut ihm davon berichtet, dass sie ein neues Manuskript von Elín erhalten hat. Sie schreibt schon länger weitere Bücher unter einem Pseudonym. Doch wer hat das Manuskript in den Verlag gebracht? Und wer ist Kristin Unnur Árnadóttir, die offenbar zum Verdruss des Neffen als Alleinerbin von Elín eingesetzt wurde.
Ragnar Jónasson hätte seinen Roman nicht „Stille“, nach dem ersten Titel von Elíns Romanreihe nennen sollen, sondern eher Schweigen. Denn es wird pausenlos geschwiegen oder verschwiegen. Helgi berichtet Aníta nicht, was in seiner vorherigen Beziehung alles geschehen ist und bringt seine Freundin dadurch in höchste Gefahr. Elín hat über vieles nicht gesprochen, was allerdings nach ihrem Tod durch ihr Interview 2005 der Öffentlichkeit mitgeteilt werden soll. Hulda scheint ihre Geheimnisse zu haben und auch die Freunde von Elín sind nicht dazu bereit, der Polizei mit ihrem Wissen weiterzuhelfen. Wie immer fesselt Ragnar Jónasson die Lesenden mit seinen ausgeklügelten Plots und bricht eine Lanze fürs Lesen, denn nicht umsonst ist gleich zu Beginn Helgis Leseliste abgedruckt. Der erste Roman ist natürlich von der Großmeisterin Agatha Christie.
Außerdem endet der Roman mit einem Cliffhanger und der Fall um Huldas Verschwinden ist nicht gelöst. Der nächste Band beantwortet dann hoffentlich alle Fragen, die die Jónasson-Fans sich schon lang stellen.

Weitere Besprechungen von Romanen von Ragnar Jónasson sind in diesem Literaturblog zu finden:

Ragnar Jónasson: FROST

Ragnar Jónasson: Hulda