Alexander Oetker: Silberküste . Luc Verlaines winterlichster Fall, Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg 2026, 348 Seiten, €20,00, 978-3-455-02194-3
„Seit dem frühen Nachmittag saß sie nun schon hier, weil sie es üben wollte, dieses stille Vor-sich-hin-Vegetieren. Sie wollte, dass alles perfekt war, dass der Anschein stimmte.“
Traumhaft schön ist dieser Küstenstreifen, der auch Silberküste, Côte d’Argent, genannt wird, an dem sich in der Saison tausende Touristen, aber auch Einheimische im Südwesten Frankreichs tummeln. Wer hier oder im grünen Hinterland in den kleinen Dörfern ein Haus hat, der ist zu beneiden. Viele alte Leutchen haben an diesem Ort einst ihre Kinder großgezogen, die nun in Paris oder Bordeaux arbeiten und leben. Dass die nun in die Jahre gekommenen Männer und Frauen vielleicht nur mit der hilfsbereiten Gemeindeschwester Christine Menasse sprechen, ist ein Zeichen für eine Gesellschaft, in der am Gesundheitswesen gespart wird und in der Menschen, insbesondere ohne Kinder, aber auch mit, sehr schnell vereinsamen können. Nun ist es Dezember und die Tage werden immer kürzer. Um so glücklicher sind die Leute über die freundliche Christine, die mit ihrem Fahrrad von Haus zu Haus radelt. In einem Waldabschnitt jedoch fährt sie plötzlich ein Auto ganz bewusst an. Einen Tag später entdeckt ein Spaziergänger die getötete, offenbar erwürgte Frau, gut drei Kilometer entfernt. Luc Verlaine und seine Frau Anouk, die ja nun seine Chefin ist, sind genau so wie die einstigen Patienten von Christine über diesen Mord entsetzt. Bei ihren Recherchen finden sie heraus, dass das dreißigjährige Opfer einst mit einem gewalttätigen Mann verheiratet war. Doch Sylvaine Latour, der auch im Gefängnis saß, weil er sich Christine wieder genähert hat, ist nicht der Täter. Je mehr die Ermittler mit den Dorfbewohnern von Mimizan ins Gespräch kommen, um so mehr stellen sie fest, dass ungewöhnlich viele alte Leute in kürzester Zeit verstorben sind. In einem Haus treffen sie einen Sohn, der gerade seinen Vater, der nicht todkrank war, verloren hat und überraschend feststellen muss, dass dieser sein Haus dem Kloster von Saint-Sever vermacht hat. Père Oscar heißt der Priester, der mit seinem strahlenden George Clooney – Lächeln die alten Herren wie Damen bezaubert. Wer zu ihm in die Kirche kam, konnte oft mit einem Gegenbesuch rechnen, insbesondere, wenn es etwas zu erben gab. Schnell erfahren die Polizeibeamten, dass die Kirche daran gelegen war, Leuten angeblich unter die Arme zu greifen, deren Renten minimal ausfielen. Sie legten in ihren Testamenten fest, dass sie ihre Häuser für einen Anfangsbetrag und eine spätere Leibrente der Kirche vermachen. So konnten sie ein besseres Leben führen und in ihren Häusern bis ans Ende ihrer Tage bleiben. Allerdings stellten die Beamten fest, und hier mussten Luc, Rose Schillinger und natürlich auch Anouk etwas illegale Wege einschlagen, um an die Testamente zu kommen, dass die Zahlungen der Kirche unter dem Betrag der Gutachten für die Häuser lagen und die alten Leutchen nach der Unterzeichnung unter Umständen nicht mal zwei Monate zu leben hatten. Doch wer ist in diese miesen Deals wirklich verwickelt? Dass Christine Zweifel an den zahlreichen Todesfällen hatte, teilte sie auch Giséle Trevillan mit, einer noch sehr rüstigen Rentnerin, die allerdings nichts mit der Kirche zu tun haben wollte. Luc Verlaine hat nun einen hoffentlich genialen Plan und Giséle Trevillau setzt all ihr schauspielerisches Talent ein, um die Betrüger hinters Licht zu führen. Der Mörder von Christine jedoch, und hier stehen die Beamten kurz vor Weihnachten erneut vor einem Rätsel, ist nicht dabei.
Alexander Oetker, der sich so langsam zum Vielschreiber mit kulinarischer Expertise entwickelt, wechselt in dieser Luc-Verlaine-Reihe wieder die Blickwinkel und erzählt mal aus der personalen Sicht des Commissaires und dann wieder aus der von Giséle Trevillan zum Ende hin. Immer wieder gibt es eingebunden in die Handlung Hinweise zu lokalen Spezialitäten und atmosphärisch wohltuende Blicke auf die besondere Landschaft, auch im Winter. Alexander Oetker schwingt nicht Moralkeule, legt aber offen, was möglich ist, wenn sich skrupellose, dabei angesehene Bürger zusammentun.
Wer Luc Verlaine und seine kleine Familie privat wie beruflich mag, wird auch diesen Krimi lieben.
Weitere Besprechungen der Luc Verlaine – Bücher in diesem Literaturblog:
Alexander Oetker: Strandgut, Luc Verlains überraschendster Fall
u.a.