Jan Weiler: Das Vogelhaus, Heyne Verlag, München 2026, 352 Seiten, €24,00, 978-3-453-44371-6

„Sie konnten ihn nicht kleinkriegen. Das waren verdammte körnerfressende Papageien und keine Talibankämpfer oder so was. Es war doch lächerlich. … Und er, Leonard Beck, schiss sich ein, weil er Vögel füttern sollte.“

Leonard Beck ist ein sensibler, introvertierter Mann, der hinter jeder Nachricht, ob nun per Brief oder WhatsApp übermittelt, das Allerschlimmste vermutet. Als leidenschaftsloser Dramaturg arbeitet er seit gut zehn Jahren an einem Berliner Theater, lebt allein und besucht seine Eltern, die weit entfernt am Niederrhein in einem unbedeutenden Ort leben, höchstens zu Weihnachten. Er ist extrem geräuschempfindlich, nicht sehr kommunikativ, kann z.B. nicht laut brüllen und irgendwie ist er auch menschenscheu. Leo Beck ist kein Misanthrop, er ist eher ein Einzelgänger, der offenbar wenig vom Leben für sich erwartet, und sich lieber wie als Kind in Fantasien verliert, als sich dem wirklichen Alltag zu stellen. Als Leos Mutter ihm eine Anzeige schickt, in der das Haus des vor Jahren verstorbenen Cordt Schwabe zum Verkauf steht, erinnert sich Leo an seine herausfordernde Zeit als Zivildienstleistender an seinem Heimatort. Und da er auch noch vom neuen Intendanten entlassen wurde, da dieser irgendwie neuen Schwung auf die Bretter, die die Welt bedeuten, bringen will, fährt Jan Weilers Hauptfigur resigniert nach Hause zu seinen kleinbürgerlichen „Mause“– Eltern. Seine Mutter arbeitet immer noch als Schneiderin im Keller ihres Hauses, sein Vater schlägt die Zeit als Pensionär tot und beide interessieren sich kaum für Leos Beruf oder gar Leben. Sie halten sich an ihren starren Regeln fest und nichts, aber auch gar nichts verändert sich von Tag zu Tag.
Jan Weiler erzählt nun seine Geschichte rund um den energielosen Theatermann Leo Beck auf zwei Zeitebenen, zum einen lernen die Lesenden Leos Eltern und sein Umfeld kennen, zum anderen begleiten sie ihn bei seinen Besuchen bei kranken, oftmals sehr armen Frauen wie Männern, die er als Zivildienstleistender in deren Wohnungen betreut. An seiner Seite vor gut sechzehn Jahren haben Patrik und Aristeas den Wehrdienst verweigert. Es ist das Jahr 2011, in dem auch die Bundeswehr ihre Tore fast schließt. In vielen skurrilen Szenen erinnert sich Leo an seine Tage bei den alten Leuten, denen er die Wohnung säubern und sich um ihr Essen kümmern muss. Bei einer dementen Frau klaut sogar die eigene Tochter, das von der Caritas vor die Tür gestellte Mittagessen und wenn Leo nicht pünktlich ist, muss er kochen. Am gruseligsten ist für den zarten Zwanzigjährigen das dunkle Vogelhaus des Herrn Schwabe, in dem riesige Aras in Volieren vor sich hin vegetieren. Hier muss er die Käfige säubern und sich von den Tieren traktieren lassen. Auch Herr Schwabe ist eine undurchsichtige Person, vor dem alle drei Zivis Angst haben.
Leo überlegt nun, ob er dieses unauffällige Haus von Herrn Schwabe, dass die Sparkasse äußerst preiswert anbietet, kauft. Dabei will er eigentlich nur wissen, welches Leben der alte Mann geführt hat, und ob all die Schauergeschichten, die damals über ihn kursierten, wahr waren. Warum ihn dieser Mann und sein Haus so existentiell interessieren, wird eigentlich nicht deutlich. Viel mehr spiegelt sich in all den Erlebnissen, dass die hilfebedürftigen wie einsamen Menschen, um die sich Leo gekümmert hat, ihre ganz eigenen, auch von Vorurteilen behafteten Geschichten hatten.
Der neue Roman des gebürtigen Düsseldorfers Jan Weiler ist eine tragikomische Mischung aus Coming-of-Age-Geschichte, einem Blick ins gar nicht so langweilige Provinzleben verbunden mit den eigenen Erinnerungen an die Zivildienstzeit, die nun für Weiler fast vierzig Jahre zurückliegt. Dabei haben viele Figuren des Romans reale Vorbilder. Leo Beck jedenfalls stellt sich seinen schlimmsten Ängsten und er spürt, dass er endlich nach Aristeas, den er aus den Augen verloren hat, suchen muss. Nach und nach stellt sich für ihn auch heraus, dass hinter der Alltäglichkeit das Unerwartete lauert.