Petra Hucke: Unterwasserblau, Eisele Verlag, Berlin 2026, 256 Seiten, €24,00, 9783961612833

„Jessica bringt den Tod. Mutter tauchte weiter in meinen Träumen auf und schubste mich ins Grab. Vater hingegen zeigte sich nicht, und das war ganz typisch für ihn. Er hätte mir wenigstens eine Cola ins Grab stellen können.“

Wenn Jessica in ihrer Familie eins nicht sein kann, dann sie selbst. Ihr schaudert es bei dem Gedanken, dass sie im Alter wie ihre Mutter aussehen könnte. In der großen Familie von ihrem Mann Ingwer hingegen fühlt sie sich angenommen und anerkannt, so wie sie ist. Sie kann unbeschwert mit ihren Schwiegereltern reden, mit Ingmars drei Brüdern, den Schwägerinnen, Nichten und Neffen.
Wenn Jessica an ihre Familie, die in einer Arbeitersiedlung im Ruhrgebiet lebt, denkt, dann glaubt sie zu wissen, dass ihre lieblose und einsame Kindheit sie geprägt haben und der Verlust ihrer Zwillingsschwester Annika, die mit anderthalb Jahren gestorben ist. Für Jessicas unfreundliche, ja geradezu feindselige Mutter ist das der größte Verlust. Der Vater hingegen, auch wenn er es nicht zeigen konnte, hat seine Tochter geliebt und hatte wohl eher Probleme mit seiner Stieftochter Sandra, die ihren biologischen Vater anhimmelte, der nie etwas mit ihr zu tun haben wollte. Auch Sandra, acht Jahre älter als Jessica, die bereits mit sechzehn Jahren auszog, fand kein gutes Wort für die Halbschwester.
Als Jessica und Ingwer mit der Familie ihren zwanzigsten Hochzeitstag begehen und auch den Geburtstag der Mutter von Ingwer beendet das Fest abrupt ein eigentlich eher seltener Anruf von Sandra. Jessicas Vater ist unerwartet verstorben. Allein die Szenen bei der Beerdigung, wo nicht geweint werden darf, spiegeln alle Gefühle, die Jessica mit ihrer Familie verbindet. Wenn Jessicas Mutter sich nicht drastisch äußern kann und einen Streit beginnen, fühlt sie sich nicht wohl. Der Kontakt der Schwestern beschränkt sich auf ein Minimum, denn die ständig rollenden Augen und der biestige Blick von Sandra, wenn Jessica etwas sagt, sind kaum zu ertragen.
Zwar geht das Leben für Jessica in Leipzig weiter, aber sie spürt, dass sie, die immer wieder Selfies von sich macht, an einen Punkt angekommen ist, wo sie auch nicht mehr so genau weiß, wie sie eigentlich beruflich und vielleicht auch privat weitermachen will. Ihr befristeter Vertrag als Meeresbiologin läuft aus, sie hat eine unsinnige, nicht von Leidenschaft geprägte Affäre mit ihrem Schwager Holger begonnen, der verheiratet ist und vier Kinder hat. Warum sie das ihrem so sympathischen wie liebenswerten und aufmerksamen Ehemann antut, bleibt ein Rätsel. Als alles auffliegt, findet sie keine plausible Erklärung weder für sich, noch für Ingwer, der sofort auszieht und jeglichen Kontakt unterbindet. Hat er ihr, die so inaktiv ist, wirklich zu viel abgenommen? Findet er in seinem Sabbatjahr als Lehrer eine neue berufliche Perspektive im Schreiben, was Jessica verstimmt? Und wie geht es Ingwer in seiner eigenen Familie? Hat sich Jessica das je gefragt?
Hilfe kann Jessica weder bei ihrer nörgelnden, desinteressierten Mutter, die sie sogar vor der Tür stehen lässt, als sie sie besuchen will, noch bei ihrer Halbschwester finden. Ein Anker ist vielleicht die Künstlerin Scarlett, die nach Leipzig in die Nähe ihres Zwillingsbruders gezogen ist.
Als dann jedoch Jessicas Mutter nach einem kurzen Krankenhausaufenthalt stirbt, entdeckt sie im Nachlass ein Schreiben, dass sie erneut aus der Bahn wirft.
Petra Hucke zeichnet in ihrer bildreichen Sprache ein geradezu beängstigend gut beobachtetes Bild von einer dysfunktionalen Familie, in der es keine Nähe, noch Liebe, sondern nur zersetzende Eifersucht gibt. Jessica als Ich-Erzählerin erinnert Szenen aus der Kindheit, die ihre Halbschwester ganz anders bewertet. Was ist nun wahr und was eingebildet? Und warum ist Jessica für ihre Mutter die falsche Tochter?
Viele auch tragikomische Sätze würde man liebsten anstreichen, so nahe könnten sie Lesenden gehen.

„Ich war meine Eltern. Sandra hatte ich ständig von mir gestoßen in Nachahmung meiner Mutter. Nicht die richtige Schwester. Ich hatte meinen Mann betrogen in Nachahmung meines Vaters – und dessen große Liebe hatte es offenbar nicht einmal gegeben. Wer war ich ohne sie? Wie hatte ich denken können, meine Familie hinter mir gelassen zu haben und ein Leben ohne sie zu führen? Stattdessen waren sie einfach ständig präsent in allem, was ich tat – und nicht nur in meinem Gesicht.“