Caro Clarie Burke: Yesteryear, Aus dem Amerikanischen von Dietlind Falk und Lisa Kögeböhn, Heyne Verlag, München 2026, 464 Seiten, €24,00, 978-3-453-27535-5

„In meinem tiefsten Inneren hatte ich es die ganze Zeit gewusst: Wir waren schlechte Schauspieler. Mein Mann war kein John Wayne. Mir lag das Hausfrauendasein nicht im Blut. Aus der Ferne konnten wir unseren Liebsten etwas vormachen, aber wenn man erst einmal hier war, konnte man es riechen. Es stank nach Schmu. … Ich war gefangen am Arsch der Welt, und meine einzige Gesellschaft – Himmel hilf – waren mein Mann und meine Kinder, für immer. Wir krochen langsam zusammen in Richtung Armut. Ein Paniktsunami fegte über mich hinweg.“

Wer träumt nicht von einer Ranch am Fuße der Berge in Idaho mit unberührter Natur, einem Landleben mit Hühnern, wo allerdings etwas versteckt alle technischen Geräte griffbereit sind und Geld keine Rolle spielt. Natalie Heller Mills, die Ich-Erzählerin dieser Geschichte, hat gemeinsam mit ihrem Mann Caleb und der finanziellen Unterstützung ihres Schwiegervaters diesen Traum wahr werden lassen. Als gottesfürchtige, zweiunddreißigjährige und wiedermal schwangere Influencerin mit einem nichtsnutzigen Mann hat sie sich in den sozialen Medien einen Platz suchen müssen, als Calebs Vater nicht mehr so spendabel war und sich lieber auf seine kostspielige Politikerkarriere konzentrieren wollte. Doch Natalie weiß um ihre Stärken und nachdem sie durch einen unverhofften Medienhype immer mehr User und auch Hater auf ihrem Account begrüßt, hat sie auch ihre Präsenz professionalisiert. Natürlich wissen Fans wie Hasser von Natalies Stories unter den Namen: Yesteryear, so heißt auch Natalies Ranch, nicht, dass hinter den Kulissen für ihre fünf Kinder zwei Nannys, eine Produzentin und auch Farmhelfer arbeiten.

„So könnte dein Leben sein, wenn du genauso reich, schön und fleißig wärst wie ich. Bloß wird es niemals so sein. Genau darin lag der Reiz des Ganzen, und ich wusste es nur, weil mein Account für mich insgeheim dasselbe war. Ein Stellvertreterleben. Ein Traum. Unerreichbar.
Greif nach den Sternen, säuselte Online – Natalie.“

Als dann jedoch Natalies zwölfjährige Tochter Clementine sie fragt, was eine Tradewife sei und nicht mehr gefilmt werden will und auch noch die junge Produzentin Shannon ihren Job kündigt, gerät Natalies künstlich aufrechterhaltene Welt, die eher einem Unternehmen als einer heilen Farmerfamilie mit glücklichen Kindern, Hausunterricht und Tieren ähnelt, in die Krise.
Caro Claire Burke erzählt ihre faszinierende Geschichte von der zu Beginn noch naiven Natalie zeitlich versetzt, bis hin zu Natalie in den Wechseljahren und mit Fußfesseln, verurteilt wegen Kindesgefährdung, während eines Interviews auf ihrer Ranch. Zum einen erinnert sich ihre Hauptfigur an ihre Kindheit, ihre Zeit an der Universität, wo sie immer nur die „Kirchentante“ genannt wurde, an ihre ersten Dates mit Caleb und ihre Entwicklung hin zur beliebten Influencerin. Recht kühl und auch sarkastisch erkennt Natalie kurz nach ihrer Hochzeit, dass sie zwar einen reichen Ehemann abbekommen hat und auch sofort schwanger wurde, aber auch dass Caleb kaum ein Partner ist, zu dem sie aufsehen kann. Zum anderen scheint die Handlung einen Sprung in die Vergangenheit zu machen, und in der Mitte des 19. Jahrhunderts zu landen. Denn Natalie erwacht auf ihrer Ranch und kann ihren Augen kaum trauen, denn alles ist wie bei einem Reenactment authentisch und zeitgetreu verändert. Wurde sie entführt? Steht irgendwo eine Kamera? Ist alles ein Fake? Und warum ähnelt Caleb ihrem Mann, doch ihre angeblichen vier Kinder sind ihr völlig fremd und wie kann es sein, dass sie nicht mehr schwanger ist? Natalie jedenfalls vergeht das Dauerlächeln, wobei das Gefühl einer permanenten Wut über ihre unglückliche Ehe und den Kindersegen bleibt, denn das harte wie entbehrungsreiche Leben auf der Ranch behagt ihr überhaupt nicht und hinzukommt, dass ihre Tochter Mary das Kommando übernommen hat.
Die Erzählstränge wechseln nun zwischen den Erinnerungen Natalies und den Aktivitäten auf der gegenwärtigen und zeitlich in die Vergangenheit versetzten Ranch mit allen Konflikten und Problemen hin und her.
Erstaunlich ist, wie die amerikanische Autorin die parallel erscheinenden Passagen rund um Natalies Leben mit ihrer Familie auf der Ranch zu einem überraschenden Ende zusammenführt. Caro Clarie Burke ist es gelungen, den Zeitgeist rund um Social Media auf ironische Weise in ihrem gut 400 Seiten Roman einzufangen und hinter die Fassade zu schauen, wo geistlose und weltfremde Verschwörungstheorien, die Caleb und sein Politikervater gern verbreiten, aber auch skrupellose Influencerinnen der Öffentlichkeit ein glückliches Leben von ehrlichen Christen vorgaukeln. Wie die Kinder unter diesen Bedingungen geistig verarmen und ausgebeutet werden, verdeutlicht diese fiktive Geschichte und entwirft zum Ende hin ein Bild von dieser Generation, die sich aus der Scheinwelt der Eltern befreien kann.