Claire Douglas: Geliebte Schwester . Dein Leben sollte meins sein, Aus dem Englischen von Ivana Marinović, Penguin Verlag, München 2026, 416 Seiten, €16,00, 978-3-328-11166-5
„Für die, die wir lieben, würden wir alles tun. Das verstehe ich allmählich mehr denn je.
Ich stehe vor einer unmöglichen Entscheidung.“
Tasha und Alice sind Schwestern, die sich, was nicht immer der Fall ist, sehr nahe stehen, vorbehaltlos vertrauen und glauben, dass sie sich wirklich gut kennen. Vielleicht liegt es daran, dass sie ihre dritte Schwester Holly verloren haben. Als Baby wurde sie vor dreißig Jahren entführt und trotz intensiver Suche nie gefunden. Jeanette, die Mutter der Schwestern, ist nach dem frühen Tod ihres Mannes Jim, der vieles verdrängt hat und immer für seine Kinder da war, einer plötzlichen Eingebung folgend nach Frankreich gezogen. Dabei hätten Tasha und ihr Mann Aaron, Eltern von Zwillingen, ihre Unterstützung benötigt. Die älteste Schwester Alice ist kinderlos und widmet wie ihr Mann Kyle ihre gesamte Energie der beruflichen Karriere. Sie arbeitet als erfolgreiche Biochemikerin und Kyle versucht in seinem Unternehmen, eine bahnbrechende App auf den Weg zu bringen.
Claire Douglas lässt ihre weiblichen Hauptfiguren, Tasha, Alice und Jeanette, und später Bonnie aus ihren jeweiligen Perspektiven von dem nervenaufreibenden Geschehen berichten.
Alles beginnt mit einer schönen Geste. Alice und Kyle, die überaus wohlhabend sind, überlassen Tasha und Aaron, die sich im Alltagsstress fast verloren hätten, ihre prachtvolle Ferienwohnung am Canale Grande in Venedig und kümmern sich im kleinen Häuschen von Tasha in Chew Norton um die Zwillinge. Doch nach kürzester Zeit müssen Tasha und Aaron schnellstens zurückkehren, denn mitten in der Nacht geschieht in ihrem Haus ein brutaler Überfall. Kyle ist tot und Alice liegt mit einer schweren Kopfverletzung im Krankenhaus. Aarons Mutter Viv hat die kleinen Mädchen übernommen und Jeanette, die ihren Umzug ins Ausland längst bereut, reist an. Die Polizeiarbeit beginnt, doch konzentriert sich die Handlung eher auf die anwachsenden Spannungen innerhalb der Familie. Alle trauern um Kyle, die große Liebe von Alice, den die anderen allerdings gar nicht so gut gekannt haben. Als dann auch noch eine ehemalige Freundin von ihm auftaucht, die von unseriösen Investoren für Kyles App berichtet und von seinem Bruder Conner, von dessen Existenz Alice keine Ahnung hatte, erzählt, schleichen sich Unstimmigkeiten ein. Alice wiegelt alles ab und beschwichtigt. Auch Aaron scheint Geheimnisse zu haben, denn Zoë, die neue Mitarbeiterin in seiner Werkstatt scheint es auf ihn abgesehen zu haben. Warum liegt ein anonymer Zettel vor der Tür, auf dem steht, dass das Ziel des Anschlags eigentlich Tasha war? Stammt dieser von Zoë?
Und dann stellt sich noch heraus, dass bei der DNA – Analyse etwas Merkwürdiges entdeckt wurde. Neben den Proben von den Schwestern hat sich noch eine dritte Person im Haus aufgehalten, die der Familie sehr nah steht. Und das kann nur Holly sein. Alice behauptet nun, dass sie nach einem ihrer Vorträge von einer jungen Frau angesprochen wurde, bei der sie das Gefühl hatte, es hätte Holly sein können. Holly ist die bereits erwähnte Bonnie, die nun von ihrem Schicksal nach der Entführung aus dem Kinderwagen, den Jeanette nur einen Augenblick auf der Straße abgestellt hatte, erzählt. Als sie nach dem Tod ihrer Mutter die Wahrheit über ihre Herkunft erfährt, sucht sie sich in Chew Norton einen Job beim Zahnarzt, um ihre Schwester Tasha, die als Zahnarzthelferin arbeitet, kennenzulernen. Tasha glaubt eher, dass die unsympathische Zoë Holly sein könnte. Sie wird dann auch noch im Weiher hinter dem Haus von Tasha erschlagen. Die Nerven aller Familienmitglieder sind mehr als angespannt, denn die Polizei kommt bei ihren Ermittlungen nicht weiter. Die einzige, die irgendwann ahnt, was geschehen sein könnte, ist Tasha.
Claire Douglas ist eine routinierte Thrillerautorin, die sich nicht auf die ausufernde Spurensuche ihrer Ermittler konzentriert, sondern auf den zwischenmenschlichen Bereich und die Frage, wie gut kenne ich wirklich einen Menschen, der mir sehr nah ist. Und so baut die englische Autorin auf einen altbewährten Spannungstrick von Bestsellerautoren. Sie schreibt kurze Kapitel mit schnellen Figuren – und Ortswechseln und erhöht permanent die Cliffhangerdichte, die jeden Lesenden dazu zwingt, bis zum Ende an der spannenden Geschichte dranzubleiben.
Mehrere Besprechungen von Claire Douglas Romanen finden sich in diesem Literaturblog.