Ursula Poznanski: Das Signal, Droemer-Knaur Verlag, München 2026, 400 Seiten, €24,00, 978-3-426-56812-5
„Es ist nicht gut für mich, was ich da tue. Nicht gesund, das ist mir klar. Aber ich bin wie hypnotisiert von diesem winzigen Wolfsbild, das sich jederzeit bewegen könnte. An Orte, von denen Adam mir nichts erzählt. Weil es offenbar Dinge in seinem Leben gibt, die er vor mir geheim halten will. Fairerweise muss ich zugeben, dass das umgekehrt nicht anders ist.“
Sie sind ein makelloses Powerpaar und seit fünf Jahren verheiratet. Der attraktive Adam Decker betreibt ein Meinungsforschungsinstitut, und ist öfters im Fernsehen zu bewundern. Viola Decker ist als kreative Innenarchitektin und Malerin erfolgreich. Erst vor Kurzem haben sich beide ein großes, aber baufälliges Haus am Rand der Stadt gekauft und hoffen bald auf Nachwuchs. Viola hatte vor einiger Zeit ihrem Mann bei einem finanziellen Engpass in der Firma ausgeholfen. Vertraglich festgelegt ist, dass ihr bei Nichtzurückzahlung die Hälfte der Firma gehört. Doch dann geschieht ein Unfall und Viola verliert auf tragische Weise ihr linkes Bein.
Doch warum ist sie mitten in der Nacht und im Winter in den baufälligen, wie einsturzgefährdeten Weinkeller gegangen? Die Sechsunddreißigjährige hat keine Erinnerungen an diesen Abend. Da Adam nicht zu Hause war, haben die Nachbarn und insbesondere der freundliche Nachbarsohn Benny ihr geholfen.
Ursula Poznanski lässt ihre Protagonistin Viola aus der Ich-Perspektive erzählen. So tragisch wie die Amputation ihres Beines ist, so taff und unsentimental geht Viola mit der Tatsache um, dass sie nun für ihren Mann nicht mehr die perfekte Ehefrau ist. Messerscharf, etwas sarkastisch und desillusioniert beschreibt Viola ihren teils hilflosen Zustand und diesen Schicksalsschlag. Als Adam ihr dann auch noch eine völlig emotionslose, rumänische Pflegerin namens Otilia aus Sorge um sie vor die Nase setzt und ihr den liebenden Ehemann vorspielt, weiß sich Viola zu helfen. Technisch versiert und auch aus Langeweile besorgt sie sich GPS – Tracker und bestückt ihre Krücken, die seltsamerweise ständig verschwinden, Otilia, Adams Schuhe und Marits Tasche mit diesen kleinen Spionen. Sorgsam sucht Viola die Icons aus, mit deren Hilfe sie alle beobachten kann und ihre Tagesabläufe im Blick hat. Adam bekommt einen Wolf, Otilia eine Spinne und ihre sanfte, wie immer sehr diskrete Freundin Marit, der sie nicht traut, eine Feder.
Auch wenn sich alle um Viola kümmern wollen, dringt nur ihre temperamentvolle Freundin Romy zu ihr durch. Ein Grund für die Zurückhaltung der anderen ist Adams strickte Forderung in der WhatsApp-Gruppe, dass Viola Ruhe benötigt. Doch Viola lässt sich nicht so leicht mundtot machen.
Sie weiß, immer wenn Adam mit ihr das Haus verlässt, durchwühlt Otilia ihr Zimmer. Doch was suchen die beiden und warum soll Viola isoliert werden? Und dann ist da noch dieser geheimnisvolle Mann, der laut Benny, ums Haus schleicht.
Viola jedenfalls beobachtet, dass Adam sie schamlos anlügt. Durch den Tracker kann sie sehen, dass er geschäftlich übers Wochenende nicht nach London fliegt, sondern in einem luxuriösen Hotel übernachtet. Und sie entdeckt entsetzt, dass Marit und er sich ausgerechnet bei einer Gynäkologin treffen. Viola gibt zu, dass Vertrauen und Ehrlichkeit nicht das Fundament dieser Ehe waren. Enttäuscht ist sie trotzdem.
Bleibt noch die Frage, wer hatte es im Weinkeller auf Viola abgesehen und was hat Adam mit ihrem Notebook vor? Das Passwort knacken ist unmöglich. Doch Adam braucht eine ganz bestimmte Information, denn alles dreht sich natürlich um Violas Vermögen, dass sie nur Dank ihres scharfen Verstandes anhäufen konnte. Dass sie jemanden vor Jahren bestohlen hat, führt zu einer völlig neuen Wendung in diesem absolut spannenden Domestic Thriller.
Ursula Poznanski hat sich für ihren mitreißend geschriebenen Roman eine selbstbestimmte, klar denkende und kaum hilflose Frauenfigur ausgedacht. Glaubte Viola vor ihrem Unfall noch, sie habe die Liebe ihres Lebens gefunden, so erwartet sie nach ihrem Krankenhausaufenthalt die größte Enttäuschung, denn sie schaut in tiefe menschliche Abgründe und muss am Anfang, ohne handlungsfähig zu sein, dabei zusehen, wie ihre Ehe in die Brüche geht und ihr Mann eigentlich nur an ihrem Geld interessiert ist.
Unbedingt an einem Wochenende lese, denn einmal begonnen, kann man nicht mehr aufhören!