Tina N. Martin: Sturmschreie, Aus dem Schwedischen von Leena Flegler, Blanvalet Verlag, München 2025, 576 Seiten, €17,00, 978-3-7341-1416-8

„Menschen, die ohne Aufenthaltstitel unterwegs waren und die nicht aufgefunden werden wollten – die wurden auch nicht vermisst oder gesucht. Stig hingegen wollte sie finden. Er wollte sie aus dem Land jagen. Doch noch während David allein an seinem Kneipentisch saß, dämmerte ihm, dass diese Art von Ungeziefer ja wohl die beste Jagdbeute abgeben würde. Weil niemand sich je fragen würde, wohin sie verschwunden waren.“

Vor kurzem berichtete eine Nachricht, dass westliche Touristen während der Belagerung der Stadt Sarajevo für Kurztrips Zehntausende Dollar bezahlten, um aus Stellungen von bosnischen Serben, Einheiten der damaligen jugoslawischen Armee und Paramilitärs heraus auf unbeteiligte Männer, Frauen und Kinder in den Straßen der Stadt zu schießen. Bei der Belagerung Sarajevos starben mehr als 10.000 Menschen, darunter zahlreiche Zivilisten. Viele wurden von Heckenschützen getötet, die von hohen Gebäuden oder umliegenden Bergen aus wahllos auf Menschen feuerten. Die schwedische Autorin Tina N.Martin hatte ihren Roman vor diesen abscheulichen Mitteilungen durch Funk, Fernsehen und soziale Medien geschrieben. Doch auch sie bezieht sich auf einen realen schwedischen Fall, von dem sie im Nachwort schreibt.
Im August 2024 findet der alte Stig Johansson, der sich für eine rechte Partei engagiert, in Norbotten am Fluss eine völlig entstellte Leiche. Es stellt sich heraus, dass es sich um den Geflüchteten Fawad Qurban handelt, der vor einem Jahr das unweit gelegene Abschiebelager in Harads verlassen hat. Nach seinen widersprüchlichen Aussagen, die Schleuser raten den Flüchtlingen immer, nicht die Wahrheit zu sagen, hatte der siebenundzwanzigjährige Fawad dann endlich zugegeben, dass er Afghane ist und nicht Iraner oder Pakistani. Da nach Afghanistan nicht abgeschoben wird, konnte er die Abschiebeunterkunft verlassen. Doch offenbar ist er nie in Stockholm angekommen. Idun Lind und Calle Brandt beginnen nun mit ihren Ermittlungen, die sich mehr als schwierig gestalten. Niemand kann etwas Genaueres über Fawad sagen. Im Abschiebelager ist die Fluktuation viel zu groß und die Bewohner des kleinen Ortes sind kaum interessiert an den Menschen hinter den Gittern. Im Ort scheint nur einer das Sagen zu haben und das ist der Besitzer des Jagdhotels, David Ekholm. Er organisiert für ausländische, reiche Männer sogenannte Jagden auf exotische Tiere, die er ganz legal importieren kann und abschießen lassen.
Parallel zur gegenwärtigen Handlung erzählt Tina N.Martin von der beschwerlichen und gefährlichen Flucht der syrischen Familie von Nadira über die Türkei, Bulgarien und Rumänien bis nach Schweden.
Idun und Calle finden nur einen illegalen Weg über einen Hacker, um an sensible Daten zu gelangen. Es stellt sich heraus, dass immer wenn Geflüchtete bleiben dürfen oder zur Abschiebung zum Flughafen gefahren werden, nicht die bestellten Taxis kommen, sondern fremde Wagen. Als Malik aus Jemen abgeschoben werden soll, steigt er in sein vermeintlich bestelltes Taxi ein. Der Fahrer weist dem verzweifelten Mann einen Fluchtweg und dadurch landet der dankbare Malik in einem neuen Gefängnis, in den unterirdischen Zellen von David Ekholm. Dieser kauft nicht viele exotische Tiere, er lässt seine Superreichen in seinem Waldstück auf Menschen schießen. Nur mit Hilfe der exzellenten Hackerin Hedda, der Schwester von Calles Freundin Vera, bekommen die Ermittler eine Ahnung von dem, was in den schwedischen Wäldern vor sich gehen könnte und wie dies organisiert wird. Allerdings schaffen es die Ermittler, dass der Undercover – Polizist Tareq, Iduns Freund, in das Abschiebelager eingeschleust werden kann. Er lernt dort Nadira kennen, die auf ihrer Flucht vorher die Identität eines Jungen angenommen hatte. Nadira darf das Abschiebelager verlassen. Allerdings kommt wieder das falsche Taxi, doch Tareq wird mit der jungen Frau zusammen einsteigen.
Ausführlich berichtet die schwedische Autorin vom Leidensweg der Flüchtlingsfamilie von Nadira von Aleppo nach Schweden. Und sie taucht in die Privatleben ihrer Ermittler ein und erzählt von deren innerfamiliären Konflikten. Dass Idun und Calle durch ihre illegalen Ermittlungen ihre Suspendierung und ihren Rauswurf provozieren, ist beiden am Ende völlig egal, denn das Ausmaß des Geschehens und die Anzahl der Toten rechtfertigt für sie ein Handeln ohne Rücksicht auf die Einhaltung von Dienstvorschriften.
Keine Frage, dieses Buch ist wirklich nichts für empfindsame Krimileser.

Weitere Besprechungen der Bücher von Tina N. Martin finden sich in diesem Literaturblog.