Stewart O’Nan: Abendlied, Aus dem Englischen von Thomas Gunkel, Rowohlt Verlag, Hamburg 2026, 349 Seiten, €26,00, 978-3-498-00787-4

„Sie bekannte, dass sie Spazierengehen, Hunde, Pickleball, Literatur, gutes Essen und guten Wein, Opern und klassische Musik mochte und gab ihr richtiges Alter an. Dennoch war sie überrascht, als die App ihr zwei Profile von Männern über achtzig anzeigte.“

Nach langer Ehe hatte sich die dreiundsechzigjährige Susie von ihrem Ehemann Richard scheiden lassen und fühlt sich doch nun ein bisschen einsam. Wobei sie wenig Lust hat, per App einen viel älteren Mann zu treffen, dem sie dann auch wieder das Frühstück machen soll. Viel lieber engagiert sie sich in Pittsburgh im Humpty Dumpty Club, einer Selbsthilfeorganisation, gemeinsam mit Emily, Susie, Arlene, Joan und Kitzi. Und Aufgaben gibt es genug, zumal Joan schwer gestürzt ist. Die Frauen besuchen sie im Krankenhaus, kümmern sich um Joans Kater Oscar und ihre Schützlinge, denen sie Medikamente gebracht hat und auch sonst immer ein offenes Ohr hatte.
Alle Frauen zwischen sechzig und fast neunzig Jahren sind noch ziemlich rüstig, außer Arlene, die zu gern malt, aber ziemlich abbaut. Sie singen zusammen im Kirchenchor, spielen Bridge, schauen Football und fahren sogar noch Auto. Nur Kitzi lebt noch mit ihrem Ehemann Martin zusammen.

„… und Kitzi musste an Martin denken, daran, wie stur er ohne jeglichen Grund sein konnte. Der Tod war ihm egal. Wichtiger war es, recht zu haben.“

Emily, Arlene, Kitzi und Susie sind füreinander da und diese Fürsorge schildert Stuart O’Nan über den Zeitraum eines halben Jahres nach der Pandemie auf sehr berührende, wie witzige Weise.
So gehören zu Joans Schützlingen Jean und Gene Sokolov, beide haben einst als angesehene Musikprofessoren gearbeitet, leben allerdings in einem mit Müll vollgestopften, heruntergekommenen Haus und halten an die fünfzig wild stromernde Katzen. Als Gene ins Krankenhaus eingeliefert wird, sieht Kitzi zum ersten Mal wie schrecklich der Zustand des Hauses ist und kann den Gestank kaum aushalten. Aber nicht ein einziges Mal kommentiert sie gegenüber Jean ihren Unmut und hilft ihr sogar mit großem Aufwand, die Katzen einzufangen und zu impfen, denn irgendjemand, vielleicht die Sanitäter vom Notarztwagen, informierten die Behörden. Es sind die vielen kleinen, freundlichen Gesten, die die alten Damen so liebenswert machen. So hat Susie die Pflege von Oscar, den verwöhnten Katze von Joan, übernommen. Zu gern hätte sie ihn bei sich behalten, doch Joan wird nach Longwood umziehen und kann ihre Katze ins neue Heim mitnehmen.
Detailreich beschreibt Stewart O’Nan nicht nur die unterschiedlichen Stadtteile von Pittsburgh, er
schaut auch in die Köpfe und Wohnungen seiner Protagonistinnen und registriert realistisch und einfühlsam, wie sie vom Alter gezeichnet zunehmend ihre Fähigkeiten verlieren und ihren Halt in der evangelikalen Kirche finden. Auch wenn die Clubmitglieder alles über die Organisation von Beerdigungen wissen, sie möchten noch möglichst lang leben und vor allem ihre Eigenständigkeit bewahren.

Sehr unterhaltsam und tröstlich!

Stewart O’Nan hatte bereits, in Deutschland 2012 erschienen, in „Emily, allein“ einer der Figuren des Humpty Dumpty Clubs einen ganzen Roman gewidmet. Die Besprechung dazu ist unter diesem Link zu finden:

Emily, allein