Søren Sveistrup: Der Kuckucksjunge, Aus dem Dänischen von Susanne Dahmann und Maike Dörries, Goldmann Verlag, München 2025, 672 Seiten, €17,00, 978-3-442-31794-3

„Den ersten Durchbruch gab es, als sie darauf gestoßen waren, dass alle fünf Stalkingopfer in laufenden Sorgerechtsstreitigkeiten steckten und mit demselben Jugendamt zu tun hatten. Zudem hatten alle fünf Stalkingopfer Kinder, die deutlich unter den Auseinandersetzungen ihrer Eltern litten, und diese Kinder, auch die von Ditte und Thorsten Vangsø, gingen alle in dieselbe vom Jugendamt organisierte Selbsthilfegruppe.“

Der dänische Autor Søren Sveistrup hat mit dem Bestseller „Der Kastanienmann“, der als Mehrteiler bei Netflix zu sehen ist, seinen ersten Roman vorgelegt. Im Mittelpunkt steht das Ermittlerteam Naia Thulin und Mark Hess. Beide hadern mit ihren privaten wie beruflichen Problemen. Thulin als alleinerziehende Mutter quält die Tatsache, dass sie kaum Zeit für ihre Tochter Le hat und immer wieder Opa Aksel, einen ehemaligen Polizisten, bitten muss, auf das Kind aufzupassen. Mark Hess wurde bei Europol vor die Tür gesetzt und möchte unbedingt zurückkehren. Der Roman „Der Kuckucksjunge“ schließt unmittelbar an den ersten Band an und bezieht sich auch zeitweise auf die grausige Handlung und die fehlerhafte Polizeiarbeit, die Nylander, den Chef der Mordkommission, belastet.
Thulin arbeitet nun als Ermittlerin im Nationalen Zentrum für Cyberkriminalität, kurz NC3, um einfach mehr Zeit für Le zu haben und Mark Hess ist wieder bei Europol. Die spröde Thulin und der introvertierte Hess sind sich im ersten Band näher gekommen, doch Hess hat die Beziehung abrupt beendet.
Zeitlich versetzt spielen nun in diesem Thriller verschiedene brutale Taten eine Rolle.
Gleich zu Beginn findet eine Kindergruppe 1992 beim Versteckspielen in einem Vogelgebiet im Schilf einen toten Jungen im Wasser und sie sehen, wie ein Mann fortläuft. Bevor dies geschieht, beobachten die Kinder wie ein Kuckucksjunges gnadenlos die anderen Jungvögel aus dem Nest stößt, um zu überleben.
Die Gymnasiallehrerin Marie Holst kann sich nicht damit abfinden, dass die Ermittler nicht in der Lage waren, den Mörder ihrer neunzehnjährigen Tochter Caroline aufzuspüren. Sie klammert sich an jede noch so kleine Hoffnung und zerstört mit ihrer Hartnäckigkeit und Penetranz nicht nur ihre Ehe, sondern auch die Beziehung zu ihren beiden Söhnen Thor und Malte. Nur ihre beste Freundin Therese steht an ihrer Seite. Auffällig ist, dass Caroline von einem Stalker verfolgt wurde, der sie in allen Lebenslagen fotografiert hat und ihr einen umgedichteten Kinderabzählreim zusendete.
Als dann im heutigen Kopenhagen gleich zwei Frauen und ein Mann auf die gleiche Art und Weise mit Fotos, Texten und Videos wie Caroline verfolgt und später getötet werden, arbeiten die IT-Experten und die Mordkommission zusammen. Da Mark Hess in Kopenhagen seinen schwerkranken Bruder im Krankenhaus besucht, wird auch er bei den Ermittlungsarbeiten hinzugezogen. Thulin und Hess bilden wieder ein Team und kommen auch nur durch Hess klaren Blick für die Zusammenhänge auf die richtige Spur in diesem absolut schwierigen, wie brutalen Fall. Wieder wird Nylander, um seinen Posten zu retten, vorschnell urteilen und falsch liegen.
Erneut dreht sich wie im ersten Band alles um das Wohl von Kindern, die durch die Scheidungen der Eltern völlig aus der Bahn geworfen werden. Ein Erwachsener zerstört die harmonische Gemeinschaft der Familie und muss dafür gestraft werden und mit dem Tode büßen. Doch wer schwingt sich zum Richter auf und hat alle technischen Möglichkeiten, seine Opfer in jeder Lebenslage aufzuspüren?
Geschickt, ohne zu langweilen, schafft es Søren Sveistrup, neben der ausführlichen Polizeiarbeit, insbesondere der IT-Experten, auch von den zwischenmenschlichen Konflikten der Ermittler zu erzählen. Erschütternd beschrieben wird, wie Stalking Familien nach und nach zerstören kann, da die Polizei einfach nur hilflos ist und erst mit der Arbeit beginnen kann, wenn jemand getötet wurde.
Sprachlich überzeugt die Geschichte durch ihren Spannungsbogen mit all den ambivalenten Figuren, ob nun auf der Ermittlerseite oder in den dysfunktionalen Familien.
Den Namen Søren Sveistrup sollten sich Thrillerfans merken!