Sara B. Elfgren: Die Insel meiner Schwester, Aus dem Schwedischen von Karoline Hippe, Heyne Verlag, München 2026, 304 Seiten, €24,00, 978-3-453-27542-3

„Ich dachte, ich hätte das Spiel begonnen, aber nein, das war sie.“

Auf symbiotische Weise sind die Halbschwestern Nia und Mirjam, seit sie sich mit vierzehn Jahren begegnet sind, verbunden. Sehr lang konnte beider Vater, ein unnahbarer, oft zu hohe Risiken eingehender Geschäftsmann, die Existenz der Halbschwester Nia vor der eigenen Familie verschweigen. Erst als Mirjams Mutter hinter den Betrug kommt und die Scheidung ansteht, lernen sich die Mädchen heimlich kennen. Über einen langen Zeitraum hinweg, können sie ihr Geheimnis vor allen, auch Mirjams kleinem Bruder Egon, verbergen.
Mirjam ist die Ich-Erzählerin dieser Geschichte, in der die kleine Insel Tallholmen eine große Rolle spielt. Einst hatte sie die Familie von Mirjams Vater zu einem geringen Preis erwerben können und seitdem verbringen die Familien ihre Sommerferien auf der Insel. Alle glauben, die Familie von Mirjam müsse reich sein, da sie Eigentümer einer Insel sind. Aber weit gefehlt. Durch die undurchsichtigen Geschäfte von Mirjams Vater ist dieser eher in eine finanzielle Schieflage geraten. Und so musste er die Insel vor Jahren ausgerechnet an Konrad Lundgren verkaufen. Der unsympathische Angeber Konrad ist der ungeliebte Ehemann von Nia, die vergebens versucht hatte, ihn zu verlassen. Mirjam und ihr damaliger Freund Juan hatten sie aufgenommen und alles versucht, um ihr einen Neuanfang zu ermöglichen. Doch Nia geht zu ihm zurück, in dem Wissen, dass sie trotz seiner Reue unter seiner Kontrolle steht und ständig mit Schlägen rechnen muss. Als Konrad, der vom Geld seiner Familie lebt, dann auch noch die Insel kauft, fühlt sich Mirjam gedemütigt, denn diese Insel wäre immerhin ihres und das Erbe von Egon. Funkstille herrscht zwischen den Schwestern, worunter Mirjam wohl mehr leidet als Nia.
Sara B. Elfgren erzählt die Geschichte der Schwestern zeitlich versetzt. Immer wieder kehrt die vierzigjährige Mirjam mit ihren Gedanken in die Vergangenheit zurück. Als Mirjam dann gleich zu Beginn des Romans einen Tag vor ihrem Geburtstag erfährt, dass ihr Partner Juan sie verlassen wird, hofft sie nun auf die Zuwendung ihrer Halbschwester Nia. Doch diese reagiert auf keine Nachricht. Als Mirjam dann aber zu Nias vierzigstem Geburtstag auf die Insel eingeladen wird, kann sie sich kaum freuen. Sie hasst Konrad, der gleich neben ihrer Glückskiefer hoch auf den Klippen ein Haus bauen ließ. Trotz langer Trennung spüren die beiden Frauen die sich sofort wieder einstellende Nähe. Doch dann entdeckt Mirjam den angeblich toten Konrad in der Badewanne. Die Gäste treffen ein, Knut, Konrads Cousin und seine Frau Emilie und Amanda, eine langjährige Freundin. Bedrückt müssen die Schwestern, Mirjam ahnt, was geschehen ist, freudig mit Ausreden für Konrad den Geburtstag feiern. Schwankend zwischen Erleichterung und Gefahr, versuchen Nia und Mirjam die Stunden zu überstehen. Doch dann können sie kaum ihren Augen trauen, denn Konrad steht plötzlich im Raum, ein Sturm zieht auf und die beiden Frauen müssen sich entscheiden, wie sie das Unheil abwenden wollen.
Dialogreich, wie psychologisch und atmosphärisch genau erzählt die schwedische Autorin Sara B. Elfgren von der engen Beziehung zweier Frauen, von brüchigen Partnerschaften, Gewalt in der Ehe, Opferbereitschaft und schicksalhaften Entscheidungen. Soghaft hineingezogen in die spannende Handlung, die von der normalen Alltagsgeschichte in eine Kriminalstory übergeht, können Lesende das Buch erst beim letzten Satz schließen.