Roisín O’Donnell: Nest, Aus dem irischen Englisch von Melike Karamustafa, Blessing Verlag, München 2025, 416 Seiten, €24,00, 978-3-89667-758-7
„Für ihr Lachen wird sie einen Preis zu zahlen haben.
So ist das nun einmal.
Lachen hat seinen Preis.
Reden hat seinen Preis.
Schweigen hat seinen Preis.
Er ist niemals zufrieden.
Sie will sich so klein wie möglich machen. Zu einem kleinen grauen Stein werden und sich zwischen den anderen Kieseln in der Fassade des Hauses verstecken, das sie beherbergt.“
Betrachtet man die Szene von außen, dann sieht man an diesem Tag eine ganz normale irische Familie, die einen Ausflug an den Strand unternimmt. Zwar sieht der alte Micra, der der Mutter Ciara gehört, etwas mitgenommen aus, aber das spielt keine Rolle. Niemand ahnt, dass der Familienvater Ryan einen schicken Jeep ohne Kindersitze fährt. Harmonisch sieht alles aus, wenn Ryan seine Töchter, Sophie ist vier und Ella ist zwei Jahre alt, an den Händen hält. Niemand hört, das Ryan seine Frau Ciara ständig demütigt und klein macht. Er, der brave Beamte, straft sie mit Schweigen, teilt ihr knapp das Geld zu, kontrolliert sie ( Später wird sie wissen, dass er eine Tracking App auf ihrem Handy installiert hat. ) und er nötigt sie zu hartem Sex, den sie ihm als treue Ehefrau nicht verweigern kann. Sie hat ein Haus, einen gut verdienenden Ehemann und zwei gesunde Kinder. Was will sie mehr? Ciara hat Ryan in England kennengelernt und ist ihm kurz nach ihrem Abschluss als Englischlehrerin gefolgt. Schnell kam das erste Kind und natürlich hat Ryan darauf bestanden, dass sie nicht arbeitet, was auch heißt, er krümmt keinen Finger bei der Betreuung der Kinder. Ciara hat im Laufe der Zeit sich selbst aufgegeben. Im Putzen und der Betreuung der Kinder findet sie ihre Sicherheit vor einem Mann, der ihr das Leben zur Hölle macht.
Vor zwei Jahren hat sie ihn verlassen, um dann zurückzukehren und wieder schwanger zu werden.
Gefangen in einem Haus, alle Freundinnen oder Bekannten hat Ryan vertrieben und auch nicht dafür gesorgt, dass seine Frau die Landessprache lernt, wird Ciara seelisch und körperlich langsam krank. Zum Glück hat sie nie ihre engen Beziehungen zu ihrer Familie in Sheffield abbrechen lassen. Die Telefonate mit ihrer Schwester Sinéad und der Mutter sind für sie lebenswichtig.
Roisín O’Donnell erzählt bildreich und sprachlich genau vom Martyrium dieser sechsunddreißigjährigen Frau, die die Psychospielchen ihres Mannes nicht mehr durchschauen kann, weil sie sich selbst schon lang verloren hat und alle Schuld bei sich sucht. Doch nach diesem Ausflug an den Strand scheint Ciara plötzlich neben sich zu stehen und zu sehen, wie sie sich verhält und vor allem fühlt. Sie weiß, sie muss diese Ehe schnellstens beenden und sie muss ihre Kinder schützen, zumal sie wieder schwanger ist. Völlig kopflos packt sie am folgenden Tag ihre Kinder ins Auto und fährt einfach los. Sie hat kein Geld auf dem Konto und kann auch das Land nicht verlassen, denn Ryan hat natürlich nach einem Telefonat mit ihr zwar die angebliche Reise zur Mutter erlaubt, aber dann die Behörden informiert. Am Flughafen darf Ciara mit den Kindern nicht ins Flugzeug steigen. Immer wieder umwirbt Ryan seine Frau, schickt ihr pausenlos Nachrichten, um sie nach Hause zu holen. Aber dieses Mal bleibt Ciara stark. Sie kommt vorübergehend in einer Obdachlosenunterkunft, einem Hotel, bei dem sie nur den Hintereingang benutzen darf, unter. Sie sucht sich Arbeit als Englischlehrerin und sie widersteht allen manipulativen Aktionen ihres Mannes, allen Schmeicheleien und Bedrohungen. Für einige Stunden können die Kinder in die Kita gehen und Ryan besteht natürlich darauf, seine Kinder zu sehen. Als Ciara zu arbeiten beginnt, erhöht er den Druck und nimmt sich eine Anwältin, um das alleinige Sorgerecht zu erhalten. Ciara erlebt immer wieder Rückschläge, doch sie lernt neue Menschen kennen, sie hat ihre Familie, die ihr auch finanziell hilft und sie wird langsam wieder zu der Person, die sie vor der Hochzeit mit Ryan war. Um vor Gericht glaubhaft zu sein, muss Ciara eine Wohnung für sich und die Kinder vorweisen. Und sie muss beweisen, dass sie unter dem psychischen Druck ihres Ehemannes stand, der ihren Willen fast gebrochen hätte. Wie der Richter oder die Richterin entscheidet, kann niemand vorhersagen. Und dann wird Noah geboren. Für Ryan ist „sein Sohn“ das wichtigste und erneut, nun auch mit seiner religiösen Familie, sucht der unerträgliche Ehemann einen Weg, um seine Frau um jeden Preis zurückzuholen.
Dass Ciara unter all den Belastungen nicht völlig zusammenbricht, berührt. Gebannt verfolgen die Lesenden, wie die junge Frau sich liebend um ihre Kinder kümmert, gegen die Behörden einen fast aussichtslosen Kampf führt und letztendlich beinahe wieder auf die infamen Lügen ihres Mannes hereinfällt, was wirklich schwer zu ertragen ist.
Roisín O’Donnell schafft es, dass Ciara und ihre kleine Familie jedem Lesenden sehr nah kommt und man mit ihr leidet und sich freut, wenn sie endlich einen guten Kontakt zu ihrer Nachbarin im Hotel knüpfen kann und während der Arbeit aufblüht und mit den Kolleginnen einen Kaffee trinken geht.
Diesen Roman vergisst man nicht so schnell, denn er ist sprachlich anspruchsvoll geschrieben und umkreist ein offenbar immer wiederkehrendes Thema.