Moa Herngren: Schwiegermutter, Aus dem Schwedischen von Katharina Martl, Kein & Aber, Zürich 2025, 352 Seiten, €25,00, 978-3-0369-5061-7
„Mir brach kalter Schweiß aus, und ich fröstelte. Hier saß ich, in Dunkelheit und Kälte. Ich, erfolgreiche Kommunikations- und Leadership-Beraterin, preisgekrönt, renommiert und begehrt, wie eine obdachlose Stalkerin.“
Wird nicht immer behauptet, gerade das Schweigen in Familien führt zu Dissonanzen. Doch in diesem Roman ist die Hauptfigur eine eloquente Kommunikationsexpertin und trotz allem Reden wird Åsa zum Ende hin alles verlieren. Eng ist die Beziehung zwischen der Fünfundfünzigjährigen und ihrem Sohn Andreas, den sie allein großgezogen hat. Der Kindsvater Janne hatte sich zwei Jahre nach Andreas‘ Geburt feige von Stockholm Richtung Kopenhagen aus dem Staub gemacht, um mit Helle, die längst schwanger war, zusammenzuleben. Für Åsa bedeutete diese tiefe Demütigung einen jahrelangen Groll auf Janne. Da sie nach ihrer postpartalen Depression sowieso schon enorme Schuldgefühle gegenüber ihrem Kind plagten, investierte sie nun all ihre Liebe, Kraft und Aufmerksamkeit in ihren Sohn. Andreas jedoch hadert mit seiner Mutter.
„Alles blieb an ihr hängen, und sie liebte mich bedingungslos. … Hätte sich wenn nötig für mich erschießen lassen. Und das war also der Dank dafür. Es klang vermutlich verrückt. Aber ich war es leid, nur für sie zu existieren. Ihretwegen irgendetwas zu machen. Irgendwann erdrückte es mich.“
Dass sie den Kontakt zwischen Vater und Sohn unterbunden hatte, lag sicher auch an den gemeinen Drohungen Jannes, sich um das alleinige Sorgerecht für seinen Sohn zu kümmern.
Als sich der neunundzwanzigjährige Andreas nun in Josefin, die Tochter einer langjährigen Freundin von Åsa verliebt, zeigen sich erste Risse in der bisher so harmonischen Mutter – Sohn – Beziehung. Auch wenn Åsa in ihrem Gedankenstrom kaum registriert, wie sehr sie ihren erwachsenen Sohn an sich bindet, so versucht dieser sich aus der Symbiose auch mit klarer Unterstützung seiner Freundin, insbesondere als er Vater wird, durch eine Therapie zu befreien. Dem allen voraus geht, dass Andreas und seine auch schwierige Freundin ihre Wohnung verlassen mussten und fast ein Dreivierteljahr bei der Mutter, die sich auf die Gesellschaft freute, wohnen. Gibt sich Åsa aus ihrer Sicht Mühe, etwas Nähe zu ihrer möglichen Schwiegertochter aufzubauen, so zeigt Josefin ihr eher die kalte Schulter und straft sie mit Schweigen und Desinteresse. Als anerkannte Fachfrau für Kommunikation, die jeden Konflikt beheben kann, tritt Åsa dann allerdings unsensibel und übergriffig auch in jedes Fettnäpfchen, dass man sich nur vorstellen kann und überschreitet aus Josefins Sicht eindeutig Grenzen.
„Und sie hörte nicht auf zu nehmen. Ich war gezwungen, einen hohen Zaun zu errichten, damit sie es begriff. Andreas war jetzt meine Familie. Andreas und Sam. Sie gehörten nicht ihr.“
Haben die Lesenden mit der Ich-Erzählerin Åsa zu Beginn durchaus Verständnis, da sie nach heftigen Auseinandersetzungen mit Andreas und Josefin keinen Kontakt weder zu ihrem Sohn, noch zu ihrem geliebten Enkel Sam haben darf, so schwindet dieses je mehr sich die Geschichte fortsetzt und kippt wieder in Sympathie um, bis alles in einer Katastrophe endet, weil Åsa erneut die falschen Worte im falschen Moment ausspricht.
Wie funktionieren Dynamiken in Kleinfamilien oder wie funktionieren sie nicht? Wer treibt enge Familienmitglieder endgültig auseinander, sorgt für Schuldgefühle, Einsamkeit, Distanz und völlige Isolation? Eifersüchtige, anhängliche Schwiegermütter, launische Stieftöchter oder gar besserwisserische Therapeuten? Was ist verzeihlich und wann muss man wirklich einen Schlussstrich ziehen?
Mal aus Åsas Perspektive, dann aber auch aus der Sicht von Andreas und Josefin versinken alle Protagonisten in einem bitteren Wechselbad der Gefühle und jeder interpretiert die Verhaltensweisen des anderen, ob es nun um Manipulation geht, Schuldgefühle oder bewusst angelegte Abhängigkeiten, auf ganz unterschiedliche Weise. Moa Herngren vermag es, gleich mit dem ersten Satz die Lesenden in diese fragile, psychologisch genau beobachtete Familiengeschichte hineinzuziehen und bis zum letzten Kapitel, gedanklich wie emotional zu fesseln.
Absolut lesenswert!
Die Besprechung des tiefgründigen wie ebenso klug geschriebenen Romans „Scheidung“ von Moa Herngren findet Sie ebenfalls in diesem Literaturblog!