Marisa Kashino: Tödliches Angebot, Aus dem Englischen von Sybille Uplegger, Ullstein Verlag, Berlin 2026, 332 Seiten, €16,99, 978-3-86493-375-2
„Wenn ich nicht so schreckliche Angst hätte, wäre ich außer mir vor Begeisterung. Scheiße. Wenn wird dieses Haus nicht kriegen, wird mich das buchstäblich umbringen.“
Margo Miyake ist ein zielstrebiger Mensch. Alles muss perfekt sein und wenn es das nicht ist, neigt die Achtundreißigjährige zu exorbitanten Wutausbrüchen. Als Ich-Erzählerin führt sie die Lesenden durch die Geschichte, in der sich alles um den innigsten Wunsch vieler amerikanischer Familien kreist – das Traumhaus. Allerdings ist es in Washington, D.C., wie in so vielen Metropolen auf der Welt, absolut schwierig eine wirklich bezahlbare Immobilie in bester, grüner wie zentraler Lage, d.h. mit guten Schulen und respektablen Nachbarn zu finden. Dabei hatte Margo alles so gut durchdacht. Sie hat mit ihrem Mann Ian ihr Reihenhaus verkauft, ist in eine kleine Wohnung gezogen, um die Suche nach einem größeren Haus in Angriff zu nehmen. In ihrem Kopf hat sich die ziemlich seltsame Vorstellung verfestigt, dass sie erst mit dem richtigen Haus mit dem wahren Leben, d.h. auch Kindern beginnen kann. Doch bisher ist alle Mühe vergebens, denn Ian und sie werden ständig überboten. Margo kann sich kaum noch auf ihre Arbeit bei ihrer Werbeagentur konzentrieren. Als sie dann von ihrer Maklerin von einem wirklich perfekt auf sie zugeschnittenen Haus in bester Lage hört, schmiedet sie einen perfiden Plan. Sie setzt alle Hebel in Bewegung, um sich mit den Eigentümern, Jack, Curtis und deren Adoptivtochter Penny, anzufreunden. Ihr Mann Ian ist von Margos Lügen und manipulativem Verhalten kaum begeistert. Doch er kennt seine Frau, wenn sie sich einmal in etwas verbissen hat, dann gibt es kein Zurück. Über das Thema Adoption, immerhin ist sie wie Penny asiatischer Herkunft, schmeichelt sich Margo bei den beiden Männern mit dem idealen Haus ein.
Marisa Kashino unterfüttert Margos skrupellose Strebsamkeit auch mit ihren Erinnerungen an die eigene, nicht so glückliche Kindheit. Hatte sie doch einen Vater, der die Familie mit seinen Ideen, mal in die Armut und dann allerdings nur für zwei Jahre in die gehobene Mittelschicht mit eigenem Haus führte. Margo jedenfalls kann ihre innere Unzufriedenheit mit ihrem langweiligen, aber gut bezahlten Job, hatte sie doch vorher als Journalistin bei der Washington Post gearbeitet, und ihrem kaum ambitionierten Mann kaum noch kaschieren. Insbesondere nicht, als Jack und Curtis nach einem gemeinsamen Abendessen im Traumhaus ( Margo hat vor ihrem inneren Auge die Zimmer des Hauses schon nach ihren Vorstellungen eingerichtet.) Margos Absichten erkennen und sie und Ian hochkant rauswerfen.
Margo beginnt nun, nach Schwachstellen im Leben der beiden zu suchen. Und sie entdeckt, dass Curtis als Professor für Wirtschaftswissenschaften und gefeierter Sachbuchautor, plagiiert hat. Das erste Kapitel seines letzten Buches stammt von seiner besten Studierenden, die jedoch untergetaucht ist und nicht reden will. Margo wittert einen Skandal und hofft, nachdem sie die junge Frau gefunden hat, Curtis mit ihrem Wissen erpressen zu können. Doch dann stellt Margo fest, dass sie schwanger ist und Ian es wagt, sie zu betrügen. Kühl und vor allem berechnend wägt Margo nun ihre Chancen auf das Haus, dass in wenigen Tagen auf dem Markt ist, ab. Ians Eltern sind wohlhabend und sympathisch, sie will sie nicht verlieren. Ian hat wegen der Affäre ein schlechtes Gewissen und ihn, den sie eigentlich nur noch verachtet, kann sie manipulieren. Da der Plan mit der Erpressung nicht aufgeht, bleibt Margo nur noch ein grausiger Weg. Sie muss dafür sorgen, dass Jack und Curtis nur noch ihr Angebot akzeptieren müssen. Und sie geht, keine Frage, über Leichen.
Die amerikanische Autorin Marisa Kashino, die im Großraum von Washington, D.C. lebt, hat sich einen spannenden Thriller ausgedacht. Alles stimmte einfach – der Plot, der immer hochgehaltene Spannungsbogen, die ambivalenten Figuren, denen die äußere, teure Fassade wichtiger ist als ein erfülltes, liebevolles Zusammenleben und der Schluss mit heftigem Knalleffekt, und das Ganze auch noch flüssig und gut geschrieben.
Für alle Lesenden, die mit ihrem Haus oder ihrer Wohnung zufrieden sind.