Liz Moore: Der andere Arthur, Aus dem Englischen von Cornelius Hartz, C.H.Beck Verlag, München 2026, 377 Seiten, €26,00, 978-3-406-84333-4
„Alles in allem habe ich das Gefühl, dass ich wieder dort bin, wo ich im Oktober war, bevor Charlene Turner Keller mich anrief und bevor ich Yolanda kennenlernte. Ich bin einer der einsamsten Menschen der Welt.“
Wenn der achtundfünfzigjährige Arthur Opp sich etwas Gutes tun will, dann isst er. Essen bedeutet für ihn wärmenden Trost gegen die Welt da draußen, in der er durch seine Schüchternheit und Verunsicherung seiner Meinung nach nicht bestehen kann. Mittlerweile wiegt der einstige Literaturdozent, der in seinem ererbten Haus in Brooklyn lebt, zwischen 200 und 300 Kilogramm. Da er sich kaum bewegen kann, war er auch gut sieben Jahre nicht mehr in der oberen Etage. Finanziell abgesichert lässt er sich alles, was er braucht liefern. Er bestellt Bücher, sieht seine Lieblingsserien und seit dem Tod seiner Freundin Marty Stein aus dem Nebenhaus, meidet er jeglichen sozialen Kontakt. Schreibt der berühmte, wie eiskalte Vater ihm zu Weihnachten ein Karte aus England, so hat Arthur jegliche Kommunikation mit seiner Familie beendet. Es gibt nur einen Menschen, mit dem er Briefe austauscht und das ist Charlene Turner, seine einstige Studentin, eine Seelenverwandte jedoch nur für kurze Zeit, in die er verliebt war. Vor gut zwanzig Jahren haben sie sich zum letzten Mal gesehen und dann plötzlich ruft sie ihn.
Das ist der Ausgangspunkt des fein geschriebenen Romans von Liz Moore. Die Konstruktion des Romans ist vielversprechend: Erzählt wird im Wechsel der Perspektiven, woraus sich spannungsreiche Interferenzen zwischen den jeweiligen Wahrheiten der Figuren ergeben. Die Lesenden schauen in Arthurs Alltag, in die beengte Welt von Charlene und sie sind mit Charlenes Sohn Kel, dem anderen Arthur, unterwegs.
Arthur weiß, dass er Charlene in all seinen Briefen angelogen hat. Doch nun will er seine Scham überwinden und ehrlich über sich berichten. Er ahnt nicht, dass auch die an Lupus erkrankte, introvertierte Charlene ihm ein erfundenes Leben vorgegaukelt hat. Ihre lieblose Ehe hat nicht lang gedauert, doch ihr Sohn Kel ist nun siebzehn Jahre alt und ein exzellenter Baseballspieler. Charlene möchte gern, dass Arthur ihren Jungen auf das College vorbereitet. Sie selbst hat sich in ihrer Krankheit eingerichtet und ist nach und nach zur Alkoholikerin mutiert. Kel musste schnell erwachsen werden, denn beide leben am Existenzminimum und haben nur einander.
Als Arthur weiß, dass er nun vielleicht bald Besuch bekommen könnte, schaut er zum ersten Mal mit den Augen eines Fremden auf sein völlig verschmutztes, heruntergekommenes Haus voller Papier- wie Bücherstapel und Staubmäusen. Kurzerhand ordert er eine Putzhilfe und die zierliche, neunzehnjährige Yolanda steht vor der Tür. Arthur wagt es kaum in ihrer Nähe zu essen, schämt sich für den Zustand der Wohnung und genießt Yolandas Gegenwart, denn sie packt zu, kümmert sich kaum um Arthurs Erscheinungsbild und motiviert ihn, nach und nach aus seinem Schneckenhaus herauszukommen.
In unsentimentaler wie unaufgeregter Prosa zeigt die amerikanische Autorin wie tragische Ereignisse ihre literarischen Figuren in emotionale Grenzsituationen katapultieren. Bevor Charlene, die nicht auf Arthurs ehrlichen Brief reagiert, sich selbst tötet, bittet sie Arthur telefonisch darum, dass er ihren Sohn anruft. Als die schwangere Yolanda von ihren Eltern vor die Tür gesetzt wird, kennt sie nur einen Ausweg: Arthur.
Die Konflikte in Liz Moores Prosa werden nicht auspsychologisiert. Hinsichtlich des Innenlebens ihrer Figuren bleibt sie nicht immer verschwiegen, aber die feinnervigen Beschreibungen der Außenwelt und des Verhaltens werden lesbar für Psychisches. Trotz all der Begegnungen mit den dunklen Seiten des Lebens bietet diese präzise und atmosphärische Prosa dennoch großen Lesegenuss.