Laura Dave: Tiefe Schuld, Aus dem Amerikanischen von Stefan Lux, Heyne Verlag, München 2025, 320 Seiten, €17,00, 978-3-453-44326-6

„Unser Vater wollte seine Firma verkaufen, nachdem er genau das sein Leben lang ausgeschlossen hatte. Dann machte er aus Gründen, die wir nicht kennen, einen Rückzieher und beschloss, die Firma seinen Söhnen zu vererben. Acht Tage lang später rief er zweimal bei einer früheren Geliebten an und fiel dann von einer Klippe, die er kannte wie seine Westentasche.“

Liam Samuel Noone verkörpert die gepriesene, aber leider allzu seltene Aufsteigergeschichte, die sich Menschen in den USA gern erzählen: Du bist deines eigenen Glückes Schmied. Und vielleicht hatte Liam Samuel Noone wirklich viel Glück, aber er ist auch clever, motiviert und solide. Jedenfalls ist er es, der vom kleinen Angestellten zum Immobilienmogul, der schicke Hotels baut und reich wird, in New York emporsteigt. Er kann auf drei Ehen zurückschauen und hat drei Kinder von seinen ersten zwei Ehefrauen. Eng an seiner Seite arbeiten zwei für ihn wichtige Menschen, Onkel Joe und seine ständige Assistentin Grace, die allerdings vor Kurzem verstorben ist.
Als Ich – Erzählerin führt Nora, Tochter aus erster Ehe, durch das aktuelle Geschehen. Sie hat zu ihren Halbbrüdern Sam und Tommy kein allzu gutes Verhältnis. Ohne die Beziehungen ihres Vaters und vor allem ohne seine Geld hat sie sich als Neuroarchitektin einen guten Ruf erarbeitet.
Parallel zur Gegenwartshandlung wird von einem Paar namens Cory und Liam erzählt. Wie ein roter Faden zieht sich deren wechselvolle Beziehung durch die Handlung und wird am Ende den Lesenden die Augen öffnen. Denn Liam Samuel Noone lebt nicht mehr. Er ist von der Klippe seines Anwesens Windbreak in Kalifornien gestürzt. Die Polizei einigt sich schnell auf die Todesursache. Sie gehen von einem Unfall aus, doch Sohn Sam glaubt, dass sein Vater ermordet wurde.
Interessant ist auch, dass Liam sein Testament kurz vor seinem Tod geändert hat und Nora nun Windbreak erben wird. Die Firma erben die Brüder, die sich allerdings in letzter Zeit nicht mehr gut verstehen. Innerhalb der Familie gibt es die üblichen Animositäten, aber es scheint nicht so zu sein, dass man dem Patriarchen, der sich durchaus für seine Kinder interessierte, ernsthaft nach dem Leben trachtete. Und so fällt es auch schwer, Sam zu glauben. Mit einigem Geschick kann der ungeliebte Halbbruder Nora dazu überreden, sich bei den Recherchen und Befragungen zu beteiligen. Vor Ort in Kalifornien sprechen Nora und Sam mit dem nicht gerade begeisterten Detektive O’Brien und erfahren, dass zwei Spaziergänger und ein Jogger den toten Liam am Fuß der Klippen gefunden haben. Der Jogger verschwand sofort, ohne dass die Polizei seine Personalien aufnehmen konnte. Alle sagen, dass Liam in letzter Zeit äußerst bedrückt war. Nachfragen bei Rechtsmedizinern ergeben aber, dass er auf gar keinen Fall Selbstmord begangen hat.
Sam, der sich im Unternehmen des Vater nicht wohlfühlt und eher seiner Sportlerkarriere gern gefolgt wäre, und Nora stellen bei ihren Befragungen fest, dass sie ihren Vater kaum gekannt haben.
Sie ahnen, dass er ein Geheimnis gehütet hat, von dem weder die Ehefrauen noch seine engen Vertrauten eine Ahnung hatten. Sam und Nora werden es lüften und denjenigen aufspüren, der wirklich Grund hatte, sich mit Liam auseinanderzusetzen und ihn allerdings nicht töten wollte.
Die Handlung dümpelt vor atemberaubenden Landschaften und pompösen Häusern nebst teuren Einrichtungen schwach dahin, weil die Konflikte zwischen den Figuren kaum verständlich sind. Zwar passt Liam nicht ins Schema des rücksichtslosen, egoistischen Machtmenschen, der seine Kinder gegeneinander ausspielt und seine Ehefrauen unterdrückt, doch versteht man im Laufe der Geschichte immer weniger, was ihn eigentlich antrieb und warum er nicht um den Menschen gekämpft hat, den er angeblich so geliebt hat. Mögen sich Sam und Nora durch ihre Suche näher kommen und besser herausfinden, was sie eigentlich mit ihrem Leben anfangen wollen, so plätschert doch alles ohne Spannung viel zu sehr an der Oberfläche dahin und von „tiefer Schuld“ kann kaum die Rede sein.