Katherine Webb: Das Grab von Trueslow Hall, Aus dem Englischen von Frank Drabrok, Heyne Verlag, München 2025, 496 Seiten, €15,00, 978-3-453-42958-1
„… die Person auf der Wache in Islington war der Schlüssel zu diesem Fall, und wenn es nicht Nazma oder eine ihrer Familienangehörigen gewesen war, dann wusste Lockyer beim besten Willen nicht, wer es gewesen sein könnte. Oder wie sie diese Frau je aufspüren sollten.“
Im Oktober 1999 ist die junge, attraktive Archäologin Nazma Kirmani bei Grabungen in Trueslow Hall, einem kleinen Herrenhaus bei Wiltshire, verschwunden. Dieser alte Fall wird von DI Matt Lockyer und DC Gemma Broad aufgenommen, nachdem eine Frau in einem Fluss in der Nähe die Tasche mit Pass, Geld und Kette von Nazma gefunden hat. Schnell wurde der damalige Vermisstenfall zu den Akten gelegt, da Nazma noch SMS nach ihrer angeblichen Flucht verschickt hatte und sogar persönlich in einer Polizeistation aufgetaucht ist. Nazmas pakistanische Familie hat wenig Hoffnung und vermutet auch rassistische Motive, da die Polizei damals trotz ihrer vehementen Einwände, sie haben nie die Aufnahmen von der angeblichen Nazma in der Station gesehen, so schnell aufgegeben hat. Nazma, so die Überzeugung der Eltern und einer Cousine, wäre nie einfach so fortgelaufen.
Akribisch suchen die Ermittler nun nach neuen Spuren, denn sie sind davon überzeugt, dass der jungen Frau etwas zugestoßen ist. Am letzten Ort, wo sie gearbeitet hat, treffen die Beamten auf die Besitzerin des Grund und Bodens und des Herrenhauses, Inez de Redvers. Die achtundsechzigjährige, völlig verwirrte Malerin lebt in einem zugemüllten Haus unter erbärmlichen Umständen. Ein angeblicher Neffe kümmert sich um sie. Inez vermisst ebenfalls eine Person, ihre Lebensgefährtin. Nach und nach entsteht für die Ermittler ein Bild von den Geschehnissen vor zwanzig Jahren. Nazma hatte ein Verhältnis mit dem verheirateten Grabungsleiter Edward Chapman und war wahrscheinlich schwanger von ihm. Sie hatte ihre Cousine Alina Shah um Hilfe gebeten, aber diese wollte nichts tun. Schnell wird auch klar, dass die gefundene Tasche offenbar wirklich für die Flucht gepackt wurde. Doch vor wem hatte Nazma Angst?
Neben den Befragungen rund um den Vermisstenfall taucht Katherine Webb auch in die Privatleben ihrer Ermittler ein. Matt Lockyer lebt mit Hedy zusammen, die ein Baby von ihm erwartet. An der Entscheidung, ob beide nun ein Kind großziehen, hat sie ihn allerdings nicht teilhaben lassen. Er zweifelt, ob die Beziehung, die allein schon durch ihre tragische Vorgeschichte belastet ist, hält. Gemma Broad schweigt aus Schuldgefühlen über ihre offensichtlichen Konflikte zu Hause, die ihr Mann Pete, den Matt nicht ausstehen kann, offenbar gewaltsam austrägt.
Auf Männer, die sich Frauen gegenüber schäbig verhalten, treffen die Ermittler in diesem Fall des Öfteren. Der Grabungsleiter Edward Chapman ist mit einer reichen Frau verheiratet, die ihn für einen Loser hält und seine Immobiliengeschäfte, die nichts einbringen, eher belächelt. Warum jedoch der aalglatte Chapman als Archäologe und Wissenschaftler arbeitet, wird in der Handlung nicht so deutlich, zumal damals sogar ein Filmteam die erfolgreiche Ausgrabung der Todesstätte aus der Bronzezeit begleitete. Dass er eine junge wie naive Frau an sich binden konnte, dafür sprechen seine manipulativen Fähigkeiten, zumal er glaubhaft behauptete nicht zeugungsfähig zu sein.
Nach einer gründlichen Durchsuchung des Anwesens von Inez, die vorgibt eine Tochter von Pablo Picasso zu sein, finden die Ermittler die verweste Leiche von Inez‘ Lebensgefährtin. Doch wo ist Nazma?
Ausführlich umkreist Katherine Webb in ihrem spannenden Roman die ausgiebige Polizeiarbeit während der Corona-Zeit bei Vermisstenfällen, die Befragungen der damaligen Kontaktpersonen, die zum Teil eine Lüge nach der anderen erzählen, die Suche nach dem Motiv, das tiefe Eingraben in die Geschehnisse vor zwanzig Jahren, die Geduld und die Beharrlichkeit, die die Ermittler aufbringen und vor allem, die Frage, warum Nazma eine Fluchttasche gepackt hatte. Durch die persönlichen Erfahrungen der Ermittler und deren psychologisches Feingefühl werden sie diesen Cold Case lösen und ihnen dabei über die Schultern zu schauen, ist ein wirkliches Lesevergnügen.