Ian Bray: Moornacht, Penguin Verlag, München 2026, 464 Seiten, €13,00, 978-3-328-11241-9

„Fox kämpfte mit sich. Sie war schon viel zu weit gegangen, eigenmächtig einer Zeugin, möglicherweise einer Betroffenen, Beweismaterial gezeigt zu haben. Auf jeden Fall hatte sie das Verfahren missachtet, das das Ganze gerichtsfest gemacht hätte. Aber nun war auch der Rest egal.“

Ian Bray ist das Pseudonym des deutschen Autors Arnold Küsters, der sich für seine neue Romanreihe eine besonders nervige Ermittlerin ausgedacht hat: Samantha Fox. Die Siebenundzwanzigjährige ist fast zwei Meter groß, auf gar keinen Fall teamfähig, denn sie interessiert sich nie für Vorschriften, sondern immer nur für die Lösung des Falls und die gerechte Bestrafung der Täter oder Täterinnen. Sie spielt leidenschaftlich Schlagzeug, hat keinen Respekt vor Autoritäten, betrinkt sich gern und hört ihren Kollegen oder Vorgesetzten kaum zu. Sam Fox reagiert allergisch wie wütend auf Anweisungen oder gar Belehrungen. Einen Rausschmiss ist sie gewohnt, da sie auch ab und zu übers Ziel hinausschießt, und so sucht sie sich an neuen Orten auch gar keine eigene Wohnung. Natürlich ist der ordnungsliebende und auf Vorschriften achtende Detective Chief Inspector George Bolton, der in ein paar Jahren in Pension gehen wird, vom diesem Neuzugang im Crime Investigation Department Whitby im Nordosten Großbritanniens nicht sonderlich begeistert. Auch der freundliche Detektiv Sergeant Toby Waters, der lieber bei seinen Sukkulenten verweilt als auf der Polizeistation, fühlt sich etwas hilflos, wenn Detektive Sergeant Fox wiedermal wortlos losstürmt, ohne jemanden darüber zu informieren, was sie beabsichtigt zu unternehmen.
Da aber Personal knapp ist und ein neuer Mordfall das CID beschäftigt, müssen alle mit Sam Fox arbeiten. Im nahen Fylingdales Moor wurde eine verbrannte, männliche Leiche gefunden. Die Todesursache sind allerdings Messerstiche. Den Toten zu identifizieren, scheint doch schwierig zu werden. Allerdings ist Sam Fox schneller als ihre Kollegen und findet heraus, dass der Ermordete Gordon Smith heißt und in Whitby kein Unbekannter ist. Er betreibt Spielautomaten, ihm gehören Imbisse,Wohnungen und er ist stiller Teilhaber eines Etablissements namens Love Planet. Gordon war mit Constantin, der für Gordon auch noch den Asienhandel übernommen hat, verheiratet und beide sind trotz zahlreicher Spenden an Kindergärten oder Schulen nicht sonderlich angesehen, was Gordon sehr schmerzte. Parallel zu diesem Fall lernt Sam Fox Cynthia Parker kennen, die behauptet, dass ihr Freund, Gregg Shaw, vor fünf Jahren an der Stelle, an der der tote Gordon gefunden wurde, ebenfalls ermordet wurde. Doch die Polizei und Gerichtsmedizin hatten eindeutig festgestellt, dass Gregg Shaw, ein ambitionierter Tierschützer, einen Unfall hatte. Sam Fox glaubt Cynthia und stößt natürlich auf den Unwillen der anderen Ermittler, aber auch auf den Unwillen eines Täters, der sie angreift und ihr droht.
Jeweils aus den Perspektiven der Ermittler beschreibt Ian Bray den übersichtlichen Ort Whitby mit all seiner landschaftlichen Schönheit und der guten Lage am Meer. Aber in Whity scheint sich langsam die chinesische Mafia zu etablieren und natürlich vermutet auch Sam illegale Drogengeschäfte und Konkurrenzgebaren als Ursache für Gordons Ermordung. Als DCI Bolton dann jedoch von William Rattler, hiesigem Fleischhändler, angehenden Politiker und selbsternannten Gutmenschen, umgarnt wird, ahnt dieser nicht, dass er den integren Bolton kaum manipulieren oder korrumpieren kann. Die Erkenntnis, dass es einen Zusammenhang zwischen beiden Fällen gibt, verdanken die ruhig ermittelnden Polizisten natürlich Sam Fox, die trotz Suspendierung ihre Arbeit nicht einstellt.
Ian Bray beschönt nichts, schont seine Figuren nicht und zeigt genau dadurch, was aus Gewalt erwächst und auch, wer die Verantwortung dafür trägt.
Dass Sam Fox und George Bolton ein wirklich gutes Team werden könnten, wird nach und nach deutlich und so darf man auf den nächsten Roman gespannt sein, denn mit der Grafschaft Yorkshire als eine wichtige Protagonistin kann nichts schiefgehen.