Gisa Klönne: Die Liebe, später, Rowohlt Verlag, Hamburg 2026, 316 Seiten, €24,00, 9783-463-00075-6

„Ganz selbstverständlich, ohne groß drüber nachzudenken oder zu diskutieren, haben sie ihre Liebe gelebt. Sie schämt sich, dass sie nun dauernd hadert mit allem. Schließlich steht sie wieder hier. Aufrecht. Mit neuer Herzklappe. Selbst wenn sie nie wieder im Radio Fuß fassen kann oder irgendwo anders, wird sie keine Not leiden, sie hat ein Zuhause und einen Mann, Anselm liebt sie.“

Kora von Stein, die zusammen mit ihrem Mann Anselm in Köln in einem Haus mit wunderbar großem Garten wohnt, findet sich in ihrem bisher gut geordneten, bürgerlichen Leben nicht mehr zurecht. Herausgerissen aus dem erfüllten Arbeitsalltag, immerhin ist sie als Radiojournalistin durch ihren nächtlichen Mittwoch-Talk bekannt, musste sie sich einer Herzoperation unterziehen. Doch kaum wieder auf den Beinen bietet der Rundfunksender Kora einen Aufhebungsvertrag an und begründet diesen mit der sogenannten Programmverjüngung. Die Einundsechzigjährige stürzt diese unerwartete Beendigung ihres Arbeitsverhältnisses in eine Krise, aber nicht nur beruflich, sondern auch privat. Ihr Mann Anselm, Ministeriumsreferent in Berlin, geht ohne Vorabsprache in die Frührente und will sich demnächst seinem Hobby, der Beobachtung von Libyllen, widmen und einem geruhsamen Leben mit seiner Frau. Das Paar steht nun an einem Kipppunkt und Kora stellt ihr Leben, aber auch das gemeinsame mit Amseln auf den Prüfstand und sucht nach Lösungen. Eins weiß sie genau, ihr graut vor dem Rentnerdasein.

„Lebensabend. Was für ein Wort. Aber wenn sie nicht alt werden will, muss sie jung sterben. Als ob das noch möglich wäre mit über sechzig.“

Die ergrauten, aktiven Babyboomer sind auf dem Weg zu neuen Ufern, nur Kora hatte dies gar nicht vor. Mit ihrer neuen Herzklappe kann sie bei guter Konstitution genauso weiterleben und arbeiten wie zuvor. Sie registriert aber auch, wie sich die Berichterstattung der Medien im Laufe der Zeit, auch durch den Einfluss der sozialen Medien, durch Oberflächlichkeit und Effekthascherei verändert hat. Doch nun kehrt bei Kora der Alltag ein, den sie so mit Anselm nie gelebt hat. Bisher führten sie eine kinderlose Wochenendehe, sie war in Köln und er kam am Wochenende aus Berlin nach Hause. In zeitlich versetzten Rückblenden erinnert sich Kora an viele Situationen in ihrem wechselvollen, beruflich aktiven Leben, sie denkt an ihr großes Liebesdrama mit Sascha in Berlin, an ihre enge Freundin Mia, die den Kontakt zu ihr beendet hat und sie muss die vom Vater geerbte Wohnung wieder neu vermieten. Und sie zieht in Fragen und Antworten ein Resümee über sich, Anselm und ihre Ehe.
Noch hat Kora beruflich Kontakte, die sie spielen lassen könnte. Doch wie wird es sein, wenn sie wieder freiberuflich arbeitet? Schon jetzt kann sie kaum „wir“ sagen, was Anselm verärgert. Die Auseinandersetzungen um Alltagsdinge nehmen zu und Anselms Umbauaktionen, er plant einen großen Teich im Garten zu bauen, kann Kora nicht ertragen und Streit ist vorprogrammiert. Immerhin hat Kora ja noch die jetzt freie Wohnung ihres Vaters in bester Lage in Berlin.
Parallel zu ihrer eigenen Krise, die Gisa Klönne im Präsens ganz nah am Geschehen erzählt, wird Kora mit den Problemen ihres Bekannten Felix Mochinger konfrontiert. Seine Frau Leonie ist plötzlich verschwunden und die Polizei hat bisher wenig getan, um sie zu finden. Kora erfährt, obwohl sie das eigentlich gar nicht möchte, sehr viel über Leonie und ihre vielleicht gar nicht so glückliche Ehe und ihr finanziell gut abgefedertes, aber beruflich stressiges Leben. Plagten Leonie auch Fragen, die sie mit Felix nicht erörtern konnte? Wollte sie vielleicht ein völlig anderes Leben führen?
Gisa Klönne erzählt von der Generation, die finanziell gut gestellt auch als Frührentner ihr gewohntes Leben bequem weiterführen kann oder wirklich noch ganz neue Wege einschlagen könnte. Ist das für ein bestimmtes Lesepublikum nur Jammern auf hohem Niveau, so trifft es ein anderes vielleicht genau in der gleichen Lebensphase wie Kora und hilft beim Nachdenken und Abwägen.