Camilla Sten: Ein gefährliches Talent, Aus dem Schwedischen von Justus Carl und Nina Hoyer, Verlagsgruppe HarperCollins, Hamburg 2024, 384 Seiten, €16,00, 978-3-365-00478-4

„Frauen wie Ester aber geraten durch Serendipity in Schwierigkeiten. Und je länger das System so weitergeht, wird es mehr und mehr Frauen wie sie geben. Mehr und mehr Frauen, … , die in diesen Positivitätskult hineingezogen und dann bis aufs letzte Hemd ausgezogen werden, bis Rache das Einzige ist, woran sie noch denken können.“

Die Schweden lieben es einfach. Niemand protzt mit seinem Wohlstand und Bescheidenheit ist immer noch eine Tugend. So weit, so gut, aber mehr und mehr breitet sich in Schweden, wie auch in anderen Ländern der Direktvertrieb von bestimmten Produkten aus. In diesem Krimi sind es vegane Schönheitscremes, die auf sogenannten After-Work-Partys, im Freundes – und Bekanntenkreis oder über die sozialen Netzwerke verkauft werden. Doch was suchen Frauen, auch aus gut betuchten Familien mit Ehemännern in diesen Kreisen? Anerkennung, Aufmerksamkeit, Zugehörigkeit, Erfolg und vor allem Lob? Die Devise, wer wirklich hart arbeitet, der kann sich dann auch etwas leisten, mag auf einige wenige bei diesem Schneeballprinzip zutreffen. Doch die meisten zahlen drauf oder verschulden sich gnadenlos, denn auch hier greift das Prinzip, wo Geld ist, kommt auch immer mehr dazu. Da kann jede noch so früh aufstehen, eine Stunde joggen, eklige grüne Smoothies trinken und dann stundenlang arbeiten, um Kontakte zu knüpfen.
Nun ist eine der eifrigsten Teamleiterinnen von Serendipity Cosmetics in ihrem prachtvollen Haus ermordet worden. Louise von Ascheberg ist seit drei Jahren verheiratet und hatte vor ihrem Tod ihrer einstigen Freundin, Rebecca Lekmann, eine Nachricht geschickt, da sie wusste, dass Rebecca aus den USA in ihren Heimatort Djursholm zurückgekehrt ist. Erst nach und nach versteht Rebecca, die als Psychologin und Vernehmungsexpertin bei der Polizei gearbeitet hat, was diese Nachricht bedeuten sollte. Louise suchte „Frischfleisch“ für ihr Team. Es ging nach neunzehn Jahre Funkstille nicht darum, ein freundliches Treffen zu veranstalten. Wurde Louise einst von Lykke Haraldsson rekrutiert, so konnte sie nach und nach in der Firma aufsteigen. Eingelullt von den Schmeicheleien der sogenannten „Schwestern“, die immer für einen da sind, konnte auch Jonna Ek, die an der Spitze der Firma steht, mit ihrem „gefährlichen Talent“, d.h. charmantem Lächeln und unheimlicher Überzeugungskraft, Louise auf ihre Seite ziehen. Allerdings hat sie für Jonna auch einen ganz besonderen Wert, denn Louise verkehrt in den zahlungskräftigen Kreisen.
Rebecca hatte mit Louise einst ein sexuelles Verhältnis. Jetzt ist sie mit Maria in Houston verheiratet, aber der Haussegen hängt schief, denn Rebecca entzieht sich Marias Kritik und pflegt ihre demente Mutter, zu der sie schon immer ein angespanntes Verhältnis hatte.
Allerdings hat Rebecca immer noch genug Zeit, eigenen Recherchen nachzugehen, um in den inneren Kreis um Jonna und Lykke zu gelangen. Sie will verstehen, wer Louise so gehasst hat, dass er sie mit einem Messer niederstechen musste. Schnell erkennt Rebecca bei einer Anwerbeveranstaltung von Serendipity, wie die Frauen mit hohlen Phrasen und Gewinnversprechungen der Macherinnen, die sich teure Wohnungen und Autos leisten können, auf den Leim gehen. Als dann jedoch Rakel vor allen das Verkaufsprinzip von Jonna und Lykke und ihrer sogenannten großen Familie äußerst aggressiv in Frage stellt und von ihrer Mutter Ester erzählt, die sich kurz vor der Rente mit Krediten total verschuldet hat, ergibt sich für Rebecca ein erstes Motiv.

Im Mittelpunkt dieses aufschlussreichen, gut geschriebenen Krimis steht nicht akribische Polizeiarbeit, sondern Rebeccas intensive Gespräche mit Familienmitgliedern und den sogenannten Freundinnen von Louise, die alle wie hypnotisiert an ihre Gewinnchancen glauben. Nebenher schauen die Lesenden aber auch ins Privatleben von Camilla Stens Hauptfigur, die sogar kurzzeitig ins Visier der Polizei gerät.

Empfehlenswert!