Jørn Lier Horst / Jan-Erik Fjell: Hörst du den Schrei?, Aus dem Norwegischen von Günther Frauenlob, Blanvalet Verlag, München 2026, 368 Seiten, €17,00, 978-3-7645-0952-1
„Sein Sohn war mittlerweile erwachsen und doch noch immer ein Kind. Was er getan hatte, konnte nicht mehr rückgängig gemacht werden. Es war die schlimmste aller Taten, aber mussten wirklich zwei Leben vernichtet werden, zwei Familien? Der Kurs war gesetzt. Jetzt gab es kein Zurück mehr.“
Vor fünfzehn Jahren verschwand im kleinen, norwegischen Ort Fagernes die siebenjährige Leah auf dem Weg zur Schule. Niemand hatte etwas gesehen oder gehört. Nie wurde der Leichnam des Mädchens gefunden. Auf Grund von Indizien verurteilte des Gericht auch in zweiter Instanz Tobias Forsberg, den Vater des Kindes, zu einer hohen Freiheitsstrafe. Eigentlich sollte Tommy Lemtun, Tobias‘ Freund, für ihn aussagen und sein Alibi bestätigen. Doch dieser revidierte seine Angaben.
Tobias Forsberg, der bereits seit seiner Schulzeit als Mobber und Gewalttäter im Ort bekannt war, nahm sich für alle kaum erklärbar kurz vor seiner Entlassung das Leben.
Über diesen Crimecast informiert der mittlerweile ziemlich bekannte Podcaster Markus Heger, der in seinem Wohnmobil lebt und unter starken Schlafstörungen leidet. Aktuell renoviert der Fünfunddreißgjährige das Haus seiner verstorbenen Mutter, um es zu verkaufen. Hegers Vater, Frank Drage, sitzt als Schwerverbrecher im Gefängnis und versucht, Kontakt zu seinem Sohn aufzunehmen.
Die junge Journalistin Mathilde Wold hört Hegers Ausführungen in seinem Podcast gern zu und da sie von Oslo nach Fagernes zur hiesigen Zeitung gewechselt ist, interessiert sie sich für den alten Fall und würde gern darüber schreiben. Allerdings stößt sie bei ihrem Chef kaum auf Gegenliebe. Und so recherchiert Mathilda ohne Auftrag und nimmt Kontakt zu Markus Heger, aber auch zum Journalisten Karl Verndal, der damals über Leah für die Zeitung geschrieben hat und nun in Oslo tätig ist, auf.
Die Autoren Jørn Lier Horst und Jan-Erik Fjell erzählen in ihrem ersten gemeinsamen Roman zeitlich versetzt. Zum einen bleiben sie in der Gegenwart und verfolgen die Arbeit des Podcasters Markus Heger, ihrer Hauptfigur, zum anderen rekapitulieren sie, was zu bestimmten Zeiten in der Vergangenheit geschehen ist, z.B. warum Markus Heger nicht Polizist geworden ist. Rückblicke beziehen sich aber auch auf die Geschehnisse zu der Zeit, als Leah verschwunden ist.
Als Mathilde dann auf neue Erkenntnisse stößt, versucht sie Heger zu kontaktieren. Allerdings zögert der Podcaster, weil er mit Journalisten nicht die besten Erfahrungen gemacht und auch mit seinen eigenen privaten Problemen zu kämpfen hat. Als dann klar wird, dass Mathilde bei einer Tour in die Berge angeblich tödlich verunglückt ist, bereut er seine Zurückhaltung. So wie Heger hatte Mathilde Lise Krohn, die ehemalige Freundin des bereits verstorbenen Tommy Lemtun, aufgesucht. Ihre Aussage belegt, dass Tommy beim damaligen Prozess falsche Angaben gemacht hat. Offensichtlich hat ihn jemand bestochen. Mehr und mehr stellt sich heraus, dass Tobias Forsberg nicht der Mörder seines eigenen Kindes sein konnte. Weitere Recherchen, die Polizei ist an neuen Erkenntnissen kaum interessiert, führen nach und nach dazu, dass Heger auch mit Rückschlägen dem wahren, völlig unerwarteten Täter und seinem Motiv, immer näher kommt.
Überzeugend rücken Jørn Lier Horst und Jan-Erik Fjell den Podcaster Markus Heger in den Mittelpunkt der Handlung, der genau die richtigen Schlussfolgerungen zieht, um sich letztendlich ebenso wie Mathilde in Lebensgefahr zu begeben.
Mit diesem ersten Band hängt die Latte hoch und man darf auf den nächsten Krimi gespannt sein!