Matthew Blake: Sophie L, Aus dem Englischen von Andrea Fischer, S. Fischer Verlag, Frankfurt a.M. 2025, 380 Seiten, €18,00, 978-3-651-00127-5
„Ich weiß, dass Gran nicht die Einzige ist, die Geheimnisse hütet. Jeder verdrängt Dinge, an die er sich nicht erinnern will. Letztendlich wurde mein ganzes Leben durch etwas bestimmt, das ich getan habe, tief verborgen in der Erinnerung.“
Berühmt ist das Bild „Memory“ aus dem Jahr 1964, dass im Pariser Hotel Lutetia zu besichtigen ist. Gemalt hat es die bekannte französische Künstlerin Josephine Benoit, die nun im hohen Alter dement ist und plötzlich im Hotel erscheint und behauptet, sie habe 1945 ihre damalige Freundin Josephine Benoit ermordet und ihr richtiger Name sei Sophie Leclerc. Über diesen Vorfall wird ihre Dr. Olivia Finn, die Enkelin der Malerin, informiert, die als Psychotherapeutin mit ihrem sechsjährigen Sohn in London lebt.
Die Handlung des Kriminalromans kreist nun um die Frage, wie wahr oder falsch können Erinnerungen sein und vor allem, kann man verschüttete und auch traumatische Erinnerungen aus der Vergangenheit in die Gegenwart zurückholen und sind diese glaubwürdig oder kann der Therapeut oder die Therapeutin diese verfälschen. Olivia arbeitet als Gedächtnisexpertin und war als junge Frau bei dem ältesten Freund ihrer Großmutter, Louis de Villefort, in Therapie. Als Psychotherapeut ist er in Frankreich eine Instanz. Allerdings klagte Ingrid Fox vor einem Jahr gegen seine Methoden und unterstellte ihm Missbrauch und Manipulation. Olivia hatte damals für ihren bewunderten Mentor ausgesagt. Als sich Ingrid Fox jedoch das Leben nahm oder ermordet wurde, endete der Prozess, der Louis de Villeforts Ruf hätte schädigen können.
Aus verschiedenen Perspektiven führt Matthew Blake nun seinen Handlungsverlauf zusammen. Zum einen betrachtet Olivia das gegenwärtige Geschehen aus ihrer Sicht, zum anderen wird berichtet, was 1945 zwischen den einstigen Freundinnen Josephine Benoit und Sophie Leclerc im Hotel geschehen ist. Es gibt den Blickwinkel von Rene, einem Auftragsmörder, es wird von den Ereignissen um den Prozess gegen Louis de Villefort erzählt und es geht um die Tage, die Sophie und Josephine 1945 im Hotel im Zimmer 11 zusammen verbracht haben. Als achtzehnjähriger Medizinstudent trifft Louis de Villefort seine Freundin Sophie Leclerc, die eine Holocaust – Überlebende ist, im Pariser Hotel wieder. An drei Tagen werden Menschen, die in Auschwitz das wohl Grausamste, was man sich kaum vorstellen kann, überlebt haben, befragt. Mit Josephine, die nie in einem Konzentrationslager war, aber für die Resistance gearbeitet hat, teilt sich Sophie das Zimmer. Sie weiß, dass Josephine sie und ihren Vater, der im Lager gestorben ist, verraten hat. Doch warum?
Und noch eine Person spielt eine Rolle, der leitende englische Ermittler, Myles Forsyth, der sich nach wie vor für den Ingrid Fox-Fall interessiert.
Olivia ist entsetzt, dass ihre Gran sich nur zeitweise wiedererkennt. Als Olivias Großmutter dann in ihrer Wohnung getötet wird, stellt sich natürlich die Frage, wem hätte die alte Frau mit ihrer Erinnerung schaden können. Im Verlaufe der Handlung wird deutlich, dass auch Olivias Leben ausgelöscht werden soll und auch sie belasten Erinnerungen, insbesondere an ihre labile Mutter, die Selbstmord begangen hat. Und dann gibt es noch Tom, ihren einstigen Patienten, den sie geliebt hat, der sie allerdings nach kurzer Beziehung ohne ein Wort verlassen hat.
In diesem Kriminalroman werden in jeweils kurzen Kapiteln interessante Themen rund um die Seriosität von Therapiemethoden in einer jedoch äußerst verschachtelten Erzählform verhandelt. Unterschiedlichste Personen in London und Paris spielen in den jeweiligen Handlungsebenen eine wichtige Rolle und es dauert doch eine Weile, ehe man jede Figur zuordnen kann.
Ein Roman, den man an einem verschneiten Wochenende lesen sollte, damit man die Übersicht behält. Es lohnt sich.