M.W.Craven: Die Witwe, Aus dem Englischen von Marie-Luise Bezzenberger, Droemer Verlag, München 2026, 508 Seiten, €16,90, 978-3-426-28460-5
„Hannah Finch hatte Gold gefunden. Pures Gold. Einen Monat, bevor Christopher Bierman in Terry Holmes‘ Pfandleihe gekommen war, hatte er das Schließfach mit der Nummer 9-206 angemietet, dass leere Fach, das die James-Bond-Gang aufgebrochen hatte. Das Fach, vor dem Terry Holmes gestorben war.“
Dieser Fall, bei dem es letztendlich nicht nur um einen Toten geht, hat es in sich. Vor allem, weil DS Washington Poe und die geniale Analystin Matilda „Tilly“ Bradshaw auch noch mit dem Inlandsgeheimdienst MI5 zusammenarbeiten müssen. Da ein internationaler Wirtschaftsgipfel ausgerechnet im kleinen Ort Scarness Hall in Cumbria geplant ist, laufen die Sicherheitsmaßnahmen auf Hochtouren. Doch ausgerechnet ein Hubschrauberpilot mit eigener Firma, der für die Flüge der Politiker und Wirtschaftsbosse zuständig sein sollte, wurde tot aufgefunden. Der unbescholtene Christoper Bierman ist britischer Staatsbürger, lebt und arbeitet aber in den USA. Seine Leiche wurde in einem leeren Bordell in Carlisle aufgefunden. Der Täter hat ihn gefoltert und mit einem Baseballschläger brutal ermordet. Als Poe und Tilly unter dem Siegel der Verschwiegenheit zu dem Fall hinzugezogen werden, gesellen sich auch zwei Special Agents dazu, zum einen Melody Lee, die beide schon kennen, und Hannah Finch, die als erste den Tatort erkundete. Poe ahnt schnell, dass die ambitionierte Hannah Finch ihm die Leitung streitig machen will. Allerdings entdeckt der unbequeme Ermittler durch Videoaufnahmen, dass der blutüberströmte Kaminsims im Bordell offenbar abgewischt wurde und eine von ursprünglich fünf Figuren nicht mehr am Platz steht. Kurzerhand lässt Poe Hannah Finch wegen Behinderungen der Polizeiarbeit verhaften.
Keine Frage, das ist ein schwungvoller wie überraschender Auftakt, den sich M.W.Craven ausgedacht hat, zumal seine spannende, gut konstruierte Handlung durch ungeahnte Wendungen die Lesenden in Atem hält.
Alaster Locke vom MI5 übergibt Poe dann die gestohlene Figur, eine ziemlich hässliche Keramikratte. Tillys gutem Gedächtnis ist es zu verdanken, dass sie sich an einen Banküberfall in Manchester erinnert, bei dem die Räuber Masken mit James Bond-Darstellern trugen. Abgesehen hatten es die Täter auf ein bestimmtes Bankschließfach, dass allerdings leer war. Vor Ort wurde Terry Holmes hingerichtet. Auch hier hinterließen die Einbrecher nun eine Keramikratte. Wie diese beiden Mordfälle zusammen hängen erarbeiten sich die Ermittler, später auch mit Hilfe von Hannah Finch, in einem detailreichen wie langwierigen Prozess. Zu jedem Zeitpunkt hilft zumindest bei Tilly Bradshaw und Washington Poe der Humor und die technischen Kompetenzen von Tilly, die immer noch an ihren sozialen feilt.
„Bradshaw tauchte in die privaten Sozial-Media-Accounts anderer Leute ein, wie er Würste in Tabascosauce tunkte.“
Trotz Sicherheitsüberprüfungen entdeckt Tilly, dass Christopher Bierman, der seinen Namen geändert hat, einst in Afghanistan in die Hände von Fundamentalisten geraten ist und halbtot vor seiner Hinrichtung gerettet wurde. Wie sich nun Terry Holmes und Bierman kennengelernt haben, bleibt nicht lang ein Rätsel, denn Holmes betrieb eine Pfandleihe und Tilly entdeckt, dass er auch mit geraubten Antiquitäten gehandelt hat. Poe glaubt nun, dass Bierman aus Afghanistan möglicherweise unkontrolliert wertvolle Stücke entwendet und mit Holmes Kontakten verkauft hat.
Bleibt die Frage, ob er allein gehandelt hat. Natürlich stoßen diese Ermittlungsansätze beim MI5 auf Empörung, denn Bierman galt als ehrenvoller Kriegsheld. Doch alle Erkenntnisse, die Poe und Tilly zusammentragen, offenbaren, dass es gefährliche, militärische Fehlaktionen in Afghanistan gab, bei denen viele tote Soldaten zu beklagen waren. Poe will nun mehr über die Gefallenen und deren Angehörige wissen und auch hier wäre er nicht weitergekommen, hätte er nicht die beharrliche Tilly. Letztendlich dreht sich diese erschütternde Geschichte natürlich um sehr viel Geld, Betrug, Mord und eine unauffällige Witwe, die sich rächen will.
„Die Witwe“ wurde übrigens als bester Thriller des Jahres mit dem CWA Ian Fleming Steel Dagger ausgezeichnet.
In diesem Literaturblog finden sich auch Besprechungen zu den Romanen „Der Gourmet“ und „Der Kurator“ von M.W. Craven.