Ruth Ware: The Woman in Suite 11, Aus dem Englischen von Susanne Goga – Klinkenberg, Deutscher Taschenbuch Verlag, München 2025, 416 Seiten, €17,00, 978-3-423-26444-0

„Falls das stimmte, hatte Carrie uns alle von Anfang an und bis zum Schluss manipuliert, bis sie endlich ihre Freiheit gewonnen hatte. Und ich schwieg nicht deshalb darüber, weil ich fürchtete, es könnte stimmen. Sondern weil ich insgeheim hoffte, dass es stimmte.“

Wer den Vorgängerband „The Woman in Capin 10“ von Ruth Ware ( Besprechung in diesem Literaturblog unter: http://karinhahnrezensionen.com/lese24/ruth-ware-the-woman-in-cabin-10/ ) gelesen hat, weiß wer diese ominöse Carrie ist.
Vor gut zehn Jahren hat die Ich-Erzählerin und Hauptfigur dieses Krimis, Laura Blacklock, auch Lo genannt, Carrie auf einer Luxusjacht kennengelernt und ihre Erinnerungen an die Tage auf dem Schiff gleichen einem Albtraum. Um alles zu verarbeiten hat die jetzt zweiundvierzigjährige Reisejournalistin ein Buch darüber mit dem Titel „Dunkle Wasser“ geschrieben. Die kriminelle Carrie hatte Lo jedenfalls in wirklich dunkle Machenschaften verwickelt, ihr aber am Ende das Leben gerettet und ist entkommen.
Lo lebt nun mit ihrem Mann Jonah und zwei kleinen Jungen in Manhattan. Sie sehnt sich nach sechs Jahren nur Mutter sein danach, wieder arbeiten zu können und hofft auf eine Festanstellung. Doch der Printmarket hat sich Im Laufe der Zeit stark verändert. Als dann eine pompöse Einladung zu einer Hoteleröffnung in der Schweiz bei ihr eintrudelt, hofft sie auf einen Auftrag. Sollte Lo ein Interview mit Marcus Leidmann, dem geheimnisvollen Finanzier des Hotels, für die Financial Times führen können, wären alle Türen für sie wieder offen. Lo, die über zwei Pässe, den britischen und den amerikanischen, verfügt, fliegt nun in die schöne Schweiz und entdeckt, dass ihr Ex-Freund Ben Howard, der Gastrokritiker Alexander Belhomme und der Fotograf Cole Lederer ebenfalls eingeladen wurden. Alle drei waren auch vor zehn Jahren auf dem Luxusschiff und alle haben ihren Roman gelesen. Traumhaft jedenfalls erscheint Lo, die kaum noch Alkohol trinkt, nicht nur das luxuriös eingerichtete Hotel und das exquisite Essen, sondern auch der Blick auf den Genfer See und die Alpen. Vom Jetlag leicht benebelt entdeckt Lo am späten Abend in ihrem Zimmer eine Einladung in die Suite 11, in der, wie sie erkundet hatte, Markus Leidmann wohnt. Immer noch hofft sie auf ein Interview. Doch nicht er öffnet die Tür, sondern Carrie. Es stellt sich heraus, dass Carrie seit zehn Jahren mit dem über siebzigjährigen Machtmenschen Markus Leidmann in einer toxischen Beziehung zusammenlebt, er ihre Vergangenheit kennt und sie erpresst. Carrie bittet Lo nun um Hilfe bei ihrer geplanten Flucht. Da Lo zwei Pässe besitzt, bittet Carrie sie, ihr den britischen zu überlassen, damit sie mit ihr von Paris aus mit dem Eurostar nach London reisen kann, um dann unterzutauchen. Lo hat Carrie als äußerst wankelmütig und unberechenbar in Erinnerung und warum sollte sie glauben, dass Leidmann Carrie missbraucht hat. Marcus Leidmann und sein Sohn Peter wirken nach außen hin seriös, gesellschaftlich gut vernetzt und wohlhabend. Doch Lo, die sowieso zu ihrer Mutter nach England reisen wollte, lässt sich als „leichtgläubige Idiotin“, wie ihr Mann sagen würde, oder aus Frauensolidarität von Carrie breitschlagen und beide schaffen es sogar an der Passkontrolle in Paris vorbei bis in die Nähe von London, wo Lo im teuren Old Manor Hotel ein Zimmer bucht und Carrie heimlich wohnen lässt. Alles scheint nach Carries Plan aufzugehen, bis zu dem Moment, wo ein Hubschrauber unweit des Hotels mit Marcus und Peter Leidmann und zwei Angestellten landet. Ab diesem Zeitpunkt hat Lo nichts mehr unter Kontrolle, denn Marcus Leidmann wird in seinem Hotelzimmer ermordet, Lo wird verhaftet und Carrie verschwindet auf Nimmerwiedersehen.
Ruth Ware hat anschlussfähig an den ersten Krimi einen spannenden wie verzwickten zweiten Plot erdacht, bei dem es auf jedes noch so kleine Detail ankommt und der vor allem das Klaustrophobische, wie Ausweglose des Vorgängerromans aufnimmt und dessen Handlungsverlauf kaum vorhersehbar ist. Immer ist es ein begrenzter Raum, den Ruth Ware für ihre Protagonisten aussucht, um diesen dann geschickt zu bespielen.
Wer den Netflix-Film „The Woman in Cabin 10“ gesehen hat, sieht sicher in der Figur der Lo die Schauspielerin Keira Knightley und Gitte Witt als Carrie. Eine Verfilmung des zweiten Krimis ist sicher eine Option.