Alice Feeney: Nebelinsel, Aus den Englischen von Anke Kreutzer, Heyne Verlag, München 2026, 416 Seiten, €12,00, 978-3-453-44301-3

„Meine Hand zittert. Ich zittere am ganzen Leib. Ich lege kurz auf, und als ich den Hörer erneut ans Ohr presse, gibt er keinen Ton von sich. Tot. Ich versuche es noch einmal, und diesmal glaube ich, erneut etwas zu hören, dasselbe Meeresrauschen wie vorhin. … Habe ich es mir nur eingebildet, eine Stimme zu hören?“

Der übernächtigte, trauernde Bestsellerautor Grady Green steht auf einer einsamen Insel in Schottland in einer Telefonzelle, die eigentlich nicht funktioniert, und glaubt, die Stimme seiner verschwundenen Frau Abby zu hören. Verliert er nach und nach seinen Verstand oder spielt da jemand ein perfides Spiel mit ihm? Nachdem Abby am Abend seines allergrößten Triumphs, immerhin erschien sein neuestes Buch auf der New-York-Times Bestsellerliste, verschwunden ist, verliert er jeden Halt und ist nach nur einem Jahr total pleite. Er kann ohne sie nicht mehr schreiben und hat sich mit seinem Hund Colombo in einem miesen Hotel verkrochen. Helfen kann ihm nur noch Kitty Goldman, seine Agentin, die Patentante von Abby, die auch vor zehn Jahren seine Karriere angekurbelt hatte. Zehn Jahre ist Grady auch mit Abby, die als Enthüllungsjournalistin arbeitet, verheiratet.
Alice Feeney lässt ihre beiden Protagonisten Grady und Abby jeweils aus ihrer Sicht von den geheimnisvollen Geschehnissen erzählen. Allerdings ist Vorsicht geboten, denn nach und nach wird deutlich, man sollte beiden nicht alles glauben, was sie über sich berichten.
Kitty erwartet von Grady den nächsten Roman, denn sein Verleger fordert den Vorschuss zurück. Die erfahrene Agentin stattet ihren Autor mit Geld aus und schickt ihn auf die Isle of Amberly, auf der nur fünfundzwanzig Einwohner leben. Er kann in der Blockhütte des verstorbenen Autors und Eremiten Charles Whittaker wohnen und endlich schreiben. Doch dieser Aufenthalt entpuppt sich nach und nach als Albtraum, dem Grady ohne Rückkehrmöglichkeiten aufs Festland ausgeliefert ist. Er glaubt, Abby auf der Insel, auf der ein Nebel gern alles verschleiert und kein Vogel singt, zu sehen, jemand legt in seiner Abwesenheit Zeitungsartikel seiner Frau in die Hütte und die Geschichte von toten Kindern lässt den Autor nicht schlafen. Kaum angekommen findet er in der abgelegenen Hütte die Knochen einer menschlichen Hand und das Manuskript des zehnten Buches seines Vorgängers. Da Grady mit seinem Alkoholproblem und einer Schreibblockade kämpft, bearbeitet er einfach den vorgefundenen Roman, den angeblich noch niemand gelesen hat. Parallel zu den Vorkommnissen auf der abgeschotteten Insel,erzählt Abby einer namenlosen Person von den Konflikten in ihrer für sie unglücklich verlaufenden Ehe. Sie verurteilt ihren Mann für sein Desinteresse an ihrem Beruf, seinem Egoismus und seinen Gedanken, die nur um seine Bücher kreisen und seine Ablehnung ihres Kinderwunsches. Schweigen, der Verlust an Vertrauen und Einsamkeit überschatten diese Ehe, die Grady allerdings in einem völlig anderen Licht sieht. Allerdings hatte er, der wie Abby keine liebevolle Kindheit hatte, dafür gesorgt, dass er nicht zeugungsfähig sein kann. Dass sich Grady und Abby auf der Insel treffen werden, sei verraten. Allerdings verliefen die Ereignisse in der Nacht von Abbys Verschwinden völlig anders, als die Lesenden glauben. Denn Autoren sind nicht die besseren Menschen.

Mit den dramatischen Mitteln des Schauer- und Geisterromans erzählt Alice Feenley von einer zerrütteten Ehe, in der die Partner sich selbst verloren hatten und dabei nach außen hin so glücklich wirkten. Durch die Wahl des Präsens für die chronologische Handlung sind die Lesenden ganz nah an den fiktiven Figuren, die allerdings auch einschließlich der Insel als Metaphern für falsche Gefühle und gefakte Befindlichkeiten stehen könnten oder als Sinnbild für eine zweifelhafte feministische Befreiung.

Spannende Ehegeschichte!