Lisa Ridzén: Wenn die Kraniche nach Süden ziehen, Aus dem Schwedischen von Ulla Ackermann, btb Verlag, München 2026, 384 Seiten, €24,00, 978-3-442-76296-5

„Ich weiß nicht, wann es passiert ist, aber die Rollen haben sich vertauscht. Obwohl er, was Größe und Kraft angeht, nie an mich herangereicht hat, ist er nun derjenige mit Autorität, derjenige, der über mein Leben bestimmt. …
Mein Wort ist nicht Gesetz, wie es das Wort des Alten war. Ihm haben die Leute bis zuletzt gehorcht.“

Das Alter kommt unausweichlich. Und es kommt nicht als ruhiger, beschaulicher
Lebensabend, sondern als Überfall. Das weiß auch der neunundachtzigjährige Bo Andersson, denn er hadert mit seinem Leben, ist sauer auf seinen alten, verfallenen Körper und vor allem wütend auf seinen Sohn Hans. Er will ihm seinen geliebten Hund Sixten wegnehmen.
Als Ich – Erzähler zieht Bo die Lesenden auf seine Seite, denn alle vernünftigen und auch sorgenvollen Argumente von Hans oder Enkelin Ellinor den Hund betreffend, der Auslauf braucht, will man wie Bo nicht verstehen. Nichts in Bos Leben ist noch wie es einmal war. Seine Frau Fredrika wohnt in einem Seniorenheim, denn in ihrem dementen Zustand konnte Bo nicht für sie sorgen. Jeder Besuch bei ihr ist eine Qual, denn sie ist nicht mehr da, die Frau, die Bo so geliebt und mit der er eine harmonische Ehe geführt hat. Ein Pflegedienst kümmert sich nun mehrmals am Tag um den alten Mann, der es hasst, fremde Menschen um sich zu haben, Windeln zu tragen, kraftlos wie vergesslich zu sein, sehr viel zu schlafen und vor allem seine Eigenständigkeit verloren zu haben. Von den Pflegerinnen ist Ingrid ihm die liebste, denn sie versteht seinen Schmerz um den Hund und sie bietet ihre Hilfe an. Ab und zu telefoniert Bo mit seinem alten Freund Ture, dem es ähnlich geht wie ihm. Neben den Gedankenströmen Bos, der sich in eingestreuten Szenen an seine Eltern, insbesondere seinen tyrannischen Vater erinnert, reiht Lisa Ridzén tagebuchartig auch die Aufzeichnungen des Pflegepersonals und Hans‘ kurze Bemerkungen ein.
Wenn Bo an seinen Vater, den er den Alten nennt, denkt, dann fallen ihm schreckliche, mit physischer und psychischer Gewalt aufgeladene Szenen ein. Denkt er an Situationen mit seinem Sohn Hans, insbesondere ab der Pubertät und als Erwachsener, dann konnte auch Bo seine Unsicherheit oder auch Hilflosigkeit nur mit Schreien und Brüllen kaschieren. Fredrika hatte ihm geraten, doch einfach mal zuzuhören. Ist Bo seinem Vater beruflich gefolgt und hat im Sägewerk vor Ort gearbeitet, so hat Hans eine völlig andere Richtung eingeschlagen und seine eigene Firma gegründet. Zu viel Arbeit hat wohl seine Ehe zerstört, aber auch Hans‘ heftiger Ton gegenüber seiner Frau Sonja.
Nachdem Hans einfach die Holzbank, auf der der Vater immer geschlafen hat, gegen ein zu weiches Krankenbett ausgetauscht hat, ahnt Bo, dass er ihm nun wirklich den Hund wegnehmen kann.
In diesem hohen Alter mit all seinen Schrecken, der Schwäche, der Schwerfälligkeit, den Schmerzen, der Vergesslichkeit, der Inkontinenz, der Scham steuert Bo nun auf den unausweichlichen Moment des Sterbens hin. Aber er schafft es, trotz allem Ärger um den Sohn, sich friedlich zu verabschieden. Das ist das Tröstliche an diesem unerschrockenen, tapferen Zustandsbericht des Ich-Erzählers Bo.
Wer nah am Wasser gebaut hat, wird beim Lesen sehr viel weinen, zum einen wegen der eigenen Angst vor dem Alterungsprozess, Bos letzte Qualen und seinem leisen Sterben. Aber es kann auch geschmunzelt werden, denn Bo schaut auf ein reiches Leben mit guten wie schlechten Zeiten zurück und er ist und bleibt auch in der Erinnerung ein wunderbarer Mensch.