Aurora Tamigio: Der Mädchenname, Aus dem Italienischen von Annette Kopetzki, btb Verlag, München 2025, 512 Seiten, €18,00, 978-3-442-77577-4

„Rosa würde ihren Mann immer um diese Fähigkeit beneiden, Menschen zu bewegen, ihm bis ans Ende der Welt zu folgen, ohne drängen und mitunter sogar ohne bitten zu müssen; sie trieb die Kinder zusammen, indem sie knurrte wie ein Hund mit seiner Herde, doch Sebastiano blieb der Hirte.“

Sebastiano Quaranta ist eine der wenigen männlichen Hauptfiguren in diesem Familiendrama, die durch ihre Güte und Menschlichkeit überzeugt. Wenn Rosa, seine Ehefrau, an ihre Kindheit und Jugend zurückdenkt, dann erinnert sie sich an einen Vater, der sie und ihre Brüder ständig verprügelt hat. Es war das Gesetz der Männer, die Frauen durch Gewalt zu beherrschen. Rosa konnte aus diesem Martyrium fliehen und Sebastiano war ihre Rettung. Sie bekommt drei Kinder, Ferndando, Donato und Selma, und eröffnet mit ihrem Mann ein Wirtshaus in einem sizilianischen Bergdorf. Alle in der Familie Quaranta müssen hart arbeiten. Rosa, die von einer Heilerin vieles gelernt hat und mit ihren inneren Dämonen kämpft, hält die Zügel in der Hand und wird nur emotional, wenn es um ihre Tochter Selma geht, die eine ausgezeichnete Stickerin und Näherin wird. Sie ist wie ihr Bruder Fernando empfindsam und zart. Donato hingegen neigt zu Wutausbrüchen und aggressivem Verhalten. Dass er sich zu Gott wenden und ein Mann der Kirche wird, überrascht alle. Rosa will unbedingt, dass Sebastiano sich vom Kriegsdienst fernhält, was ihn zutiefst kränkt. Als sie ihn dann 1940 geistig umnachtet und körperlich entstellt im Spital findet, behauptet sie, dass sie diesen Mann nicht kennt. Eine Aussage und ein Geheimnis, das sie bis an ihre letzten Tage verfolgen wird. Kurz vor ihrem eigenen Tod wird sie im Spital San Quirino versuchen, ihren Mann, den alle für tot halten, zu finden.
Aurora Tamigio lässt ihre stolzen Frauenfiguren aus der personalen Perspektive erzählen. Rosa kommt zu Wort, aber auch Selma und ihre Töchter Patrizia, Lavinia und Marinella.
Als Selma von Santi Maraviglias, einem Prahlhans und arbeitsscheuem Blender, 1948 umworben wird, stellt sich Rosa energisch gegen die geplante Ehe. Doch Selma setzt sich dieses Mal durch, bekommt drei Töchter und ahnt schnell, dass Santi nicht nur egozentrisch ist, sondern auch ein Mann ist, der mit Worten um sich schlagen kann. Selmas Depressionen nach der ersten Schwangerschaft interessieren ihn kaum. Er ist der beste Kunde im Wirtshaus und Rosa muss mit zunehmenden Sorgen erkennen, dass ihre Tochter nicht glücklich ist. Als Santi dann das hart gesparte Geld seiner Frau, er hat alle Rechte dazu, dazu benutzt, um eine Wohnung in der Stadt und einen Laden zu kaufen, kommt es zu einer heftigen Auseinandersetzung zwischen ihm und Rosa. Sie verkauft das Wirtshaus und zieht mit ihrer Tochter mit. Schnell erkennen auch die Töchter den wahren Charakter ihres Vaters. Auch Santi wird zuschlagen, wenn Patrizia ihm Widerworte gibt oder ihn fragt, wann er sich endlich eine Arbeit sucht. Die Frauen führen den Laden und Santi geht ins Wirtshaus. 1970, allzu früh wird Selma, ihre Mutter immer an ihrer Seite, sterben. Die Onkel der Mädchen Fernando und Donato sorgen dafür, dass die Mädchen in ein Internat gehen. Patrizia wird als erste in ihrer Familie mit einem Stipendium studieren können und Lavinia entdeckt ihre Liebe zum Kino. Als Santi nach dem Tod von Rosa seinen Töchtern dann seine neue Frau, Carolina Brancaforte, vorstellt, und diese auch noch einen Sohn bekommt, zerfällt die Familie endgültig.
In den 1970er Jahren suchen sich Patrizia, Lavinia und auch Marinella Männer aus, die sich kaum durch etwas auszeichnen. Als wären die Frauen eindeutig die stärkeren Protagonistinnen, die mit ihrem Stolz, auch auf den Mädchennamen, ihr Leben meistern.
Bewegende Familiengeschichte!