Stephen King: Kein Zurück, Aus dem Amerikanischen von Bernhard Kleinschmidt, Heyne Verlag, München 2025, 640 Seiten, €28,00, 978-3-453-27434-1

„Er hat die Grenze überschritten, und er hat das Gefühl, dass das so okay ist. Er fühlt sich sogar gut. Am besten, denkt er, ist es jetzt, zur Arbeit zu gehen wie an jedem anderen Tag und sich später an die eigentliche Arbeit zu machen.
Eine Person auf der Liste ist abgehakt, bleiben noch dreizehn.“

Wer momentan schaut, was in den USA so passiert, wundert sich kaum, dass in diesem neuen Roman von Stephen King verrückte Täter durchs Land reisen und Unschuldige einfach mal so hinrichten oder Menschen ins Visier nehmen, deren Meinung ihnen nicht passt.
Ein ganz normaler Staatsbürger und Anonymer Alkoholiker, hier heißt er Trig, nimmt für sich in Anspruch einen Rachefeldzug zu starten. Seinem Bekannten, dem Kreditberater Alan Duffrey, wurde kinderpornografisches Material von einem Kollegen untergeschoben, der in der Bank seine Stelle bekommen wollte. Duffrey ging dafür ins Gefängnis und wurde nun ermordet. Der hinterhältige Kollege hat Krebs im Endstadium und zeigt Reue und sagt die Wahrheit. Doch wem soll diese Aussage helfen? Stellvertretend für das Fehlurteil der zwölf Geschworenen müssen nun unschuldige Menschen sterben, denen der Täter jeweils einen Zettel mit dem Namen eines Geschworenen in die Hand drückt. Detective Isabelle Jaynes, Izzy genannt, beginnt, nachdem ein anonymes Bekennerschreiben von einem gewissen Bill Wilson bei der Polizei eingeht, mit den Ermittlungen. Neben den kaltblütigen Morden an willkürlich ausgesuchten Personen, kündigte der Mörder auch eine Tötung gegen einen wirklich Schuldigen vom Prozess an. Izzy sucht bei ihrer Freundin und Privatdetektivin Holly Gibney, eine bekannte und vom Autor geliebte Figur aus Kings Thrillern, Unterstützung und Holly, die sich mit ihren öden Versicherungsfällen nur langweilt, ist auch schnell auf dem richtigen Pfad. Als die zarte Holly dann auch noch als Personenschützerin für Kate McKay angefragt wird, zweifelt sie, ob sie dieser Aufgabe gerecht werden kann. Die streitbare Intellektuelle und Buchautorin Kate McKay reist mit ihrem neuen Buch und auf eigener Mission als beinharte Feministin durch die USA und tritt auf verschiedenen Veranstaltungen für Abtreibungen ein. Das ruft die christlichen Nationalisten auf den Plan, insbesondere eine Frau, genannt Chrissy Stewart, die einen abschreckenden Anschlag zunächst gegen Kates Assistentin Corrie ausführt und dann Kate bedroht.
Stephen King charakterisiert seine Figuren genauestens und bleibt in diesem routiniert wie rasant geschriebenen Roman, in dem die parallel laufenden Handlungsstränge geschickt zusammengeführt werden und in einem spektakulären Showdown enden, auf dem Boden der realen Tatsachen in den USA. Treibt die innere Stimme des Vaters Trig zum Handeln, so sucht die verirrte Chrissy Stewart nach Identität und Aufmerksamkeit.
Und Stephen King wirft Fragen auf: Wie viele Menschen müssen unschuldig Strafen in Gefängnissen verbüßen? Warum haben Frauen kein Recht ihre Entscheidungen, insbesondere über ihren Körper selbst zu treffen?