Sofia Lundberg: Wo wir uns trafen, Aus dem Schwedischen von Maike Dörries und Kerstin Schöps, Goldmann Verlag, München 2024, 384 Seiten, €22,00, 978-3-442-31645-8

„Nur noch ein Gedanke, dann verbrenne ich das Buch. Und mit ihm all meine Erinnerungen. Wegwerfen, wie Rut sagen würde, wirf den alten Kram einfach weg. Ich will auf keinen Fall ein Opfer sein.“

Esther hadert mit ihrem Leben. Auf ihr Betreiben hin hat sie sich von Alex scheiden lassen und darf nun ihren fünfjährigen Sohn Adrian nur ein paar Tage in der Woche sehen. Ständig ist sie in Sorge um das Kind, ständig scheint sie, wenn sie allein ist, zu weinen. Doch was hat sie so Schreckliches getan, dass sie so verzweifelt ist? In einem Erinnerungsbuch versucht sie ihre Gedankenströme festzuhalten. Natürlich hat sie den idealen Mann, einen Künstler, getroffen. Er heiratet sie und sie sind das perfekte Paar. Sie ist die Muse, die er braucht. Allerdings interessiert ihn kaum, dass auch Esther Talent zum Zeichnen hat. Esther wird nun nicht Malerin, sondern sucht sich eine Stellung als Lehrerin, denn die Familie lebt von ihrem Geld. Alex ist oft unterwegs, trotzdem will er genauestens wissen, was Esther macht, wo sie ist, wen sie trifft. Und ohne es zu merken, rutscht die junge Frau in ein Abhängigkeitsverhältnis von ihrem Mann. Seine Anerkennung funktioniert nur, wenn sie seine Erwartungen erfüllt. Der leichtlebige Alex kann nicht mit Geld umgehen, sie akzeptiert kommentarlos seine Schulden.
Als sie dann schwanger wird, ahnt sie, dass die Probleme mit Alex nicht enden. Sein Kontrollzwang Ausmaße annimmt, die sie nicht mehr ertragen kann. Als er dann beginnt, sie auch körperlich zu misshandeln, zieht sie die Reißleine. Bravo, sagt jede Leserin. Doch Esther zerfleischt sich, fühlt sich schuldig und hadert mit ihrem Leben.
Dann begegnet sie der um Jahre älteren Rut. Sie treffen sich auf einer Wiese und setzen sich gemeinsam auf eine Bank unter eine Eiche. Immer wenn Adrian an Samstagen bei seinem Vater ist, freut sich Esther auf Rut, die mit ihren eigenen Geschichten, aber auch als gute Zuhörerin die junge Frau von ihren Zweifeln befreit. Esther beginnt wieder zu leben, sie sieht Leute und denkt nicht nur pausenlos an ihr Kind. Dass Rut das Haus an der Wiese gehört und auch das Land versteht Esther erst nach und nach. Gern erzählt die alte Dame von ihrem italienischen Ehemann Rinaldo und trauert auch um ihre Schwester Dagny. Doch dann entschwindet Rut plötzlich und Esther macht sich auf die Suche nach der Freundin am Comer See. Was sie dann von Rut, auch aus ihren Tagebüchern, die Esther im Haus gefunden hat, erfährt, wirft ein völlig anderes Licht auf Ruts Leben.
Zwei Frauen reden gern miteinander. Esther jedoch braucht den Zuspruch und die Kraft von Rut, Rut hingegen kann sich mit Esther ihr vergangenes Leben schönreden und die Tragik und die Abgründe vergessen. Es sind nicht die Gegensätze der italienischen und schwedischen Lebensweise, die Rut bedrücken, sondern Enttäuschungen, mit denen sie nie gerechnet hätte.
Sprachlich gut lesbares Buch für ein einsames Wochenende!