Sia Piontek: Der Wolf im dunklen Wald, Goldmann Verlag, München 2025, 448 Seiten, €17,00, 978-3-442-20663-6
„Für ihren Geschmack hatte sie es in diesem Fall mit zu vielen reichen alten Männern zu tun. …
Es war nicht nur die Grundarroganz dieser Leute, die Carla störte, hervorgerufen durch die Überzeugung, unantastbar zu sein. Es war ebenso die Selbstverständlichkeit, mit der sie logen und dabei selbst glaubten, es sei die Wahrheit. Einfach weil es ihnen diente.“
Erneut schreibt Sia Piontek einen Kriminalroman, in dem die Hauptkommissarin Carla Seidel aus Dannenberg im Mittelpunkt des Geschehens steht. Erneut muss sie sich mit Männern in ihrem Team und deren Machtgerangel auseinandersetzen. Sie akzeptieren sie zwar, würden ihr aber liebend gern Knüppel zwischen die Beine werfen. Diese würden ihr allerdings kaum wehtun, denn sie kennt eine viel schlimmere, vernichtendere Art der Gewalt: Demütigung und Vergewaltigung in der Ehe. Seit mehreren Jahren darf sich Carlas Ehemann Sören ihr und ihrer Tochter Lana nicht mehr nähern. Nach schweren Alkoholexzessen hat sich Carla wieder im Griff. Doch nun naht Lanas achtzehnter Geburtstag und Vater und Tochter könnten, wenn Lana das will, wieder Kontakt aufnehmen. Für Carla ein Albtraum und eine schwere Last, denn das Vertrauensverhältnis zwischen Mutter und Tochter kann der höchst manipulative Sören in Gefahr bringen.
Sia Piontek lässt die Lesenden die Geschehnisse aus zwei Perspektiven betrachten. Zum einen übernimmt die Ermittlerin einen Mordfall, bei dem der Inhaber der Werbeagentur „Winkelzüge“, Thomas Winkels, bei der Jagd im Dragahner Forst ums Leben kommt. Zum anderen wird aus Lanas Sicht erzählt, denn sie hat einen Freund, dessen Vater zum Kreis der Verdächtigen gehört. Diese Jagd, die die adlige Familie von Boenning ausrichtet, sollte die Wiedersehensfeier alter Freunde krönen, die gemeinsam ein Ferienhaus gemietet hatten. Auch das nächste Mordopfer, Andreas Küster, gehört dazu. Er ist auch noch ein guter Geschäftspartner von Winkels, hat aber mit seiner Windrad-Firma so einige Investoren um ihr Geld gebracht. Die Mordtaten weisen auf einen Täter oder eine Täterin hin, die äußerst aggressiv und wohl hochemotional zugestochen hat. Carla und ihr wohl sympathischster Kollege Lars Eggers eilen nun von einer Befragung zur nächsten. Oftmals im Weg stehen nicht nur die polizeilichen Kompetenzen in den verschiedenen Bundesländern, sondern auch der noch junge, überaus ehrgeizige Polizeirat Dr. Kai Wächter, der als ausgemachter Narzisst besonders Carla verunsichern kann. Versucht die adlige Familie von Boenning mit Hilfe ihres Adelstitels und Anwälten die Polizei fern zu halten, ermitteln die Beamten im privaten Umfeld der Opfer und vor allem nehmen sie die geschäftlichen Kontakt unter die Lupe.
Ziemlich schnell stellt sich heraus, dass die beiden toten Männer nicht gerade den besten Ruf hatten. Carla, was ihre Kollegen nicht so gut nachvollziehen können, sucht immer tiefer in der Vergangenheit der beiden Mordopfer und befragt nicht nur die Ex-Ehefrau von Winkels, sondern auch eine der besten Jugendfreundinnen der Männer, die Kindergartenleiterin Gabriele Flemming. Doch kaum hat dieses Gespräch stattgefunden, wird auch Gabriele Flemming brutal ermordet.
Carla ist auf der richtigen Spur.
Sehr ausufernd aber atmosphärisch gut geschriebener Krimi!
Nicht ganz schlüssig erscheint, warum der Titel dieses Romans „Der Wolf im dunklen Wald“ lautet.