Peter Probst: Am helllichten Tag, Heyne Verlag, München 2026, 333 Seiten, €18,00, 978-3-453-27564-5

„Es handelte sich um eine Spiegel-Reportage aus dem Jahr 1974 über die wiederaufgenommenen Ermittlungen zu den drei vermissten Kindern, Walter Broschat, Klaus-Dieter Stark und Eveline Lübbert. Bereits nach wenigen Zeilen hatte Toni den Eindruck, einen Krimi zu lesen. Held war der Kriminalrat Ernst Fischer. Als er in seinem neuen Amt als Kripochef in Pirmansens auf die drei Cold Cases stieß, war er schnell überzeugt, es nicht mit Einzeltaten, sondern einer Serie zu tun zu haben.“

In den Jahren 1960, 1964 und 1967 verschwand immer an einem Freitag am helllichten Tag in Pirmasens ein Kind. Die beiden Jungen und das Mädchen waren im Alter zwischen acht und zehn Jahren. Eine Tragödie für die Eltern, ein trauriger Tiefpunkt der Polizeiarbeit in der Pfalz, denn niemals wurde aufgeklärt, was mit den Kindern geschehen ist.
Peter Probst verbindet nun den True Crime mit einem fiktiven Fall. Der Autor erfindet rund um das Verschwinden von Klaus – Dieter Stark, genannt Klausel, seine Handlung, die zeitversetzt im Jahr 1964 und in der Gegenwart spielt. Ohne Helikoptereltern und bei geringem Verkehrsaufkommen spielten die Freunde von Klausel einst auf der Straße oder da, wo für die Jungen Abenteuer lauern könnten. Der Anführer der Jungengruppe ist Erwin Papin, der genau an dem Tag als Klausel verschwindet, sich ein perfides Spiel ausgedacht hatte. Dieser Erwin Papin ist nun verstorben und er hinterlässt seiner Tochter, Antonia Papin, genannt Toni, sein Haus und einen angefangenen Brief, in dem es um existentielle Gewissensbisse und Schuldgefühle geht.
Die Journalistin Toni hatte kein so gutes Verhältnis zum Vater und selten hat sie ihn von München aus besucht. Doch plötzlich steht sie im stillen Haus des Vaters und fragt sich, was ihn so sehr bedrückt hat und warum er letztendlich so verschlossen war und sehr religiös.
Parallel zu dieser Handlung wird von Vanessa Conti, einer jungen Frau, erzählt, die offensichtlich entführt wurde. Und die Nachricht von einer beliebten Ärztin aus Pirmasens schockt die Bewohner, denn bedrängt von Hassmails und widerlichen Kommentaren hat sie nur einen Ausweg gesehen, den Freitod.
Toni beschäftigt der Brief des Vaters, und sie beginnt zu recherchieren und stößt auf die Cold Cases. Sie lernt den Polizisten Leo Steiner kennen und hofft auf seine kooperative Hilfe, muss aber einsehen, dass er sich zwar in Toni verliebt hat, ihr aber keine Informationen liefern kann.
Durch die Rückblicke in das Jahr 1964 und die erneute Aufnahme der Polizeiarbeit 1973 gewährt Peter Probst nicht nur Einblicke in die unsensible Art und Weise wie die Ermittler mit den beteiligten Kindern als Zeugen umgegangen sind, sondern auch über die Verhältnisse in den Familien. Rigide wurde hier den Jungen, auch Erwin, mit „Kindergefängnis“ gedroht und sie wurden zu Aussagen genötigt, um den häuslichen Strafen zu entgegen. Für Erwins Vater, der allerdings früh verstorben ist, war nur wichtig, was die Nachbarn sagen könnten. Sein Sohn und dessen Ängste spielten für ihn keine Rolle. In den Familien herrscht diese tiefe Ehrfurcht vor Amtspersonen und es wird wie auch zu anderen Zeiten geschwiegen. Nicht anders verliefen die Befragungen in den 1970er Jahren, in denen der neue Kripochef durch das Ausscheckverfahren, dem Vorläufer der Rasterfahndung schnelle Erfolge verzeichnen wollte und sich auf einen Tatverdächtigen konzentrierte. Auch zu diesem Zeitpunkt wurde Erwin zu einer Aussage gegen einen psychisch kranken Mann gedrängt, die er dann jedoch im Prozess widerrief. Nach und nach versucht Toni, sich in den Vater hineinzuversetzen und sie kann sogar seinen Pfarrer dazu bewegen, vieles über das Leben des Vaters zu erzählen, wovon die Tochter keine Ahnung hat.
Diese realistischen, wie beklemmenden Schilderungen von Erwins Kindheit und der gesellschaftlichen Atmosphäre in den 1960er und 1970er Jahren zählen zu den Stärken des Romans. Aber Peter Probst will zu viel und vieles bleibt unstimmig. Die gegenwärtige Handlung rund um das entführte, sehr junge und offenbar schwangere Mädchen und die Liebesgeschichte von Toni und Leo wirkt dagegen eher blass, denn hier scheint ein gutes Ende für den Autor Pflicht.