Kristine Bilkau: Halbinsel, Luchterhand Literaturverlag, München 2025, 224 Seiten, €24,00, 978-3-630-87730-3
Gewinnerin des PREISES DER LEIPZIGER BUCHMESSE 2025
„Es war, als würde sie mit vollem Tempo in die falsche Richtung fahren, zurück statt vorwärts. Sie hätte sich ein eigenes Leben aufbauen sollen, mit Freunden oder einem Partner, wie und wo sie wollte, aber doch nicht in ihrem alten Kinderzimmer, mit ihrer Mutter unter einem Dach.“
Anett und Linn, Mutter und Tochter, sind ein gutes Team. Durch den frühen Tod ihres Mannes Johan, der an einer Herzschwäche verstarb, musste sich Anett als alleinerziehende Mutter durchschlagen. Doch nun hat Linn mit viel Ehrgeiz und Energie bereits mit vierundzwanzig Jahren nach dem Studium und einem Jahr in Schweden sich ihren eigenen Bereich mit Thema Umweltschutz und -beratung erarbeitet. Sie hat eine Arbeitsstelle in Berlin und sogar eine eigene bezahlbare Wohnung. Anett, die ihr Leben lang in einer Bibliothek arbeitet, überlegt indes, ob sie nicht das alte Haus mit Garten in dem kleinen Ort in der Nähe von Kiel verkauft. Finanziell war es für die Kleinfamilie immer knapp. Doch dann fällt Linn plötzlich während eines Vortrages in Ohnmacht und ruht sich eine Woche bei ihrer Mutter aus.
In zeitliche Rückblenden erinnert sich Anett an Linn als Kind und sie hört die Stimme ihres Mannes, der Anett in ihren Entscheidungen berät. Denn Anetts so fokussierte Tochter hat scheinbar ihre beruflichen Ziele aus den Augen verloren. Sie kündigt ihre Arbeit, löst die Wohnung auf und zieht wieder bei der Mutter in ihr Kinderzimmer ein. Wie ein sturer Teenager ist sie nicht bereit, mit der Mutter in einen gedanklichen Austausch zu kommen. Anett kann ihren Unmut über Linns ständige Müdigkeit und Antriebslosigkeit immer weniger zurückhalten und bangt auch um das gute Mutter – Tochter – Verhältnis, bei dem die Mutter der erwachsenen Tochter nicht mehr reinreden wollte.
Die Kinder sollen es doch mal besser haben, hofft die ältere Generation. Sie sollen ihre Zeit sinnvoll verbringen, um in der Rückschau nichts zu bereuen. Doch was ist das Richtige? Linn jedoch holt die alten Schulsachen aus den Dachboden und schwelgt eher in der Vergangenheit. Was hat sie so verunsichert, dass sie ihren Platz in der Gesellschaft, in ihrem Beruf nicht einnehmen kann? Sie sucht sich einen Job als Verkäuferin in der Bäckerei.
Stehen im Zentrum des Romans die Auseinandersetzungen unterschiedlicher Generationen und ihrer Erwartungen an das Leben, so geht es auf der anderen Seite um einen Mangel an Aufrichtigkeit und ganz unterschiedliche Methoden des Betrugs in der Gesellschaft. Beginnen diese, in dem Leute die Zahlung eines teuren Möbelstücks trickreich umgehen und enden beim Kauf von CO2 – Zertifikaten durch angeblich ökologisch orientierte Unternehmen, immer unter dem Mäntelchen des Klimaschutzes.
Kristine Bilkau ist eine exzellente Beobachterin von gesellschaftlichen Vorgängen, die alle für harmlos halten, solange sie einen nicht persönlich treffen. Die Sprengkraft in ihrer scheinbar schmucklosen, unaufgeregten Geschichte ist groß, denn die Gräben zwischen vermeintlicher Realität und hinterhältiger Täuschung werden immer tiefer.
Absolut lesenswert!