Hannah Richell: Das Wochenende | Vier Familien. Drei Tage. Ein Sturm, der alles verändert, Aus dem Englischen von Sabine Längsfeld, Rowohlt Taschenbuch Verlag, Polaris, Hamburg 2024, 431 Seiten, €18,00, 978-3-499-01482-6
„Vielleicht denkt sie, ist Max‘ Wunsch ja in Erfüllung gegangen. Vielleicht hat ihr Wiedersehendswochenende tatsächlich die wildesten, echtesten Seiten von ihnen allen zum Vorschein gebracht – auf die eine oder andere Art.“
Die Idee der Freunde, sich an diesem Wochenende einfach mal zu entspannen, wird zum Albtraum für alle und zum spannenden Lesevergnügen. Sie kennen sich schon mehr als zwanzig Jahre aus der Studienzeiten: Max, Annie, Dominic, Jim und Kira. Hat es sie alle in unterschiedliche berufliche Bereiche und Orte verschlagen, so haben sie doch nie den Kontakt verloren. Als sich das durchaus erfolgreiche Architektenehepaar Max und Annie Kingsley dann von London verabschiedet hat, um mit ihrem Adoptivsohn Kip in Cornwall zu leben, hat nicht nur der bekannte, wie dominante TV-Star Dominic Davies verwundert den Kopf geschüttelt. Doch Max und Annie sind sich sicher, dass sie mit ihrem abenteuerlichen Campingplatzprojekt fern der Großstadt und ohne Internetzugang auch ihrem schwierigen Sohn eine neue Lebensperspektive bieten. Dominic bezeichnet das scheue Kind nur als „Rotzlöffel“ und ignoriert seine offensichtlichen Angststörungen, denn Max und Annie haben den Freunden nicht erzählt, was der nun Zwölfjährige durchmachen musste, als sie ihn als Sechsjährigen zu sich genommen hatten. Alle Freunde reisen nun zum Wochenende zum Glamping an und die Lesenden wissen bereits zu diesem Zeitpunkt, dass es zu Unstimmigkeiten, Streitereien, auch handgreiflichen Übergriffen und einem Leichenfund gekommen ist, denn Hannah Richell erzählt zeitlich versetzt und lässt die einzelnen Personen aus der Erinnerung heraus erzählen. Durch diese unterschiedlichen Perspektiven setzt sich ein Bild von den Geschehnissen am Freitag und Samstag zusammen und jede Person berichtet auch von sich und offenbart eigene Gedanken und Sichtweisen auf die auch tragischen Ereignisse. Haben die einen so gar keine Lust auf dieses naturverbundene Wochenende, wie die sechzehnjährige Tochter Scarlett von Dominic, so erobern die drei Kinder von Jim und Suze sofort das Gelände, dass sich bis zu den Klippen und zum Meer hinzieht. Leider haben Max und Annie große Probleme mit ihrem einzigen Nachbarn, der Angst um sein Vieh und seine Ruhe hat.
Als alle am Freitag am Lagerfeuer sitzen, ist die Stimmung noch sehr entspannt. Doch Phoebe, die jüngste Tochter von Dominic provoziert Kip, der wenig redet und sich von den anderen absondert. Kip fühlt sich benachteiligt. In einem Gefühlsausbruch attackiert und verletzt er Phoebe und wird dann von ihrem Vater körperlich gezüchtigt. Dominic kann seine Antipathien gegen den Jungen nicht im Zaum halten und somit kommt es zu einem Eklat zwischen Max und Dominic und natürlich hat jeder und jede Erwachsene ihre eigene Meinung zu diesem Vorfall. Nach und nach lernen die Lesenden die Lebensumstände der vier Familien kennen. Lebt Dominic mit seiner zweiten, etwas oberflächlichen Frau Tanya auf finanziell großem Fuß, so müssen Suze, die als Yogalehrerin arbeitet und Jim mit ihren drei Kindern oft schauen, dass am Monatsende noch Geld übrig ist. Kira, die als Ärztin tätig ist, reist mit ihrem neuen Freund Fred und ihrer fünf Monate alten Tochter an. Fred kann sich schnell in die Gruppe integrieren, wobei Tanya immer das Gefühl hat, dass sie außen vor ist. Nach und nach legt die Autorin auch interne Konflikte zwischen den Figuren offen. Und dann, als wären die Konflikte nicht schon groß genug, lassen Dominic und Jim, sie haben die Aufsicht, die Kinder am Samstag allein auf Erkundungstour gehen, wovon alle ziemlich aufgeregt zurückkehren, nur Phoebe nicht. Ein Sturm zieht auf und Dominic glaubt, dass er mit Gewalt aus Kip, der angeblich mit Phoebe am Ende unterwegs war, alles herausprügeln kann, was er wissen will. Doch dieser spricht kein Wort mehr. Und dann wird klar, ein Mensch ist von den Klippen gestürzt.
In den langen Befragungen der Polizisten Lawson und Barnett offenbart sich nun, dass die Freunde eigentlich kaum noch miteinander geredet hatten.
Absolut spannend liest sich dieser Pageturner, den man wirklich erst aus den Händen legen kann, wenn der letzte Satz gelesen ist. Steht zu Beginn der Geschichte das Zwischenmenschliche im Vordergrund, die sozialen Unterschiede, die sympathischen und weniger angenehmen Protagonisten, die Zweifel Annies, ob sie für Kip je eine gute Mutter sein kann, die Ungewissheit, was die Zukunft mit dem Campingplatz bringen wird und die Dynamik zwischen den Freunden, so wendet sich im Laufe der Handlung alles auch durch den Einfluss des unbändigen Sturms in Aufregung und Sorgen um.