Guadelupe Nettel: Die Tochter, Aus dem mexikanischen Spanisch von Michaela Meßner, Luchterhand Verlag, München 2025, 288 Seiten, €22,00, 978-3-630-87760-0

„Liebe und gesunder Menschenverstand sind nicht immer miteinander vereinbar. Im Allgemeinen entscheidet man sich eher für die Intensität, egal, von wie kurzer Dauer, und egal, wie viel man dabei aufs Spiel setzt.“

Zu Beginn sind sich die Freundinnen Laura und Alina einig, sie wollen reisen, einen guten Job haben und ihr Leben genießen. Für sie sind Kinder einfach nur „menschliche Fußfesseln“. Doch Alina kehrt aus Frankreich nach Mexiko für eine gute Stelle als Kulturmanagerin zurück. Außerdem muss sie ihre alten Eltern finanziell unterstützen. Sie trifft den Künstler Aurelio und bald ist klar, sie wollen eine Familie mit Kindern gründen. Laura ist da konsequenter. Wenn in einer Beziehung das Thema Kinder aufkommt, beendet sie diese ziemlich schnell und lässt sich als letzte Konsequenz die Eileiter abklemmen.
Laura ist die Ich-Erzählerin dieses Romans, und auch sie kehrt, um an ihrer Doktorarbeit in Literaturwissenschaft zu schreiben, nach Mexiko zurück. Die Begegnungen mit ihrer couragierten Mutter meidet sie meistens, denn diese erwartet von der Tochter Nachwuchs. Alinas Hoffnung auf ein Kind schwindet jedoch immer mehr, denn keine Therapie führt zu einem positiven Ergebnis. Doch dann ist es endlich so weit, Alina blüht auf und freut sich auf ihre Tochter. Laura indessen nervt die alleinerziehende Mutter von nebenan, deren sehr aggressiver Sohn ständig Wutanfälle hat und Dinge an die Wände donnert. Als Laura dann ihre Nachbarn, Doris und Sohn Nicolás, kennenlernt, beginnt eine langsame Annäherung. Auch wenn Alina nun schwanger ist, bleibt die Freundschaft zu Laura bestehen. Allerdings stellt sich heraus, dass Alinas Baby wahrscheinlich nicht lebensfähig sein wird. Ihr Gehirn wächst nicht. Ein Trauma für alle Eltern. Alina geht davon aus, dass sie einen Säugling zur Welt bringt, der kaum geboren sterben wird. Eine unfassbare Tragödie. Mit einer Thanatologin bereitet sich Alina auf den Tod der Tochter, die sie Inéz nennt, vor. Sie kauft sogar alles für eine Beerdigung. Doch dann, und das scheint ein Wunder zu sein, lebt das Kind und entwickelt sich, auch wieder mit der Hilfe von Spezialisten, besser als erwartet. Als die Eltern von Inéz, die unter schweren neurologischen Fehlbildungen leidet, nach Hause kommen, sind sie völlig hilflos und unsicher. Spannungen entstehen und Alina verlässt die Wohnung nicht mehr und verliert sich in einem Kaufrausch, den sie ihrem Ehemann verschweigt. Die Schulden steigen, d.h. dass auch Alina arbeiten gehen muss. Für die kleine Inéz finden sie ein phantastisches Kindermädchen namens Marlene. Aber auch Marlene sorgt zumindest bei Alina für Unbehagen, denn sie verbringt nun mehr Zeit mit dem kranken Kind, dass angeblich nicht sehen und hören kann. Die Konflikte sind für die Eltern kaum auszuhalten. Sie wollen ihr Kind lieben, wissen aber nicht, wann sie sich verabschieden müssen. Das Leben geht weiter, aber es ist nicht unbeschwert, sondern angefüllt mit Terminen und Ängsten. Laura ist die Beobachterin und alle Probleme zwischen Eltern und Kindern in ihrer näheren Umgebung und indirekt scheint ihre Skepsis den Nachwuchs betreffend nicht so falsch. Allerdings kümmert sie sich trotzdem fast mütterlich um ein Kind in Not und bringt es nicht übers Herz, die Taubeneier auf ihrem Balkon zu beseitigen.

Guadelupe Nettel, die in Paris lebt, hat die Erlebnisse einer Freundin verarbeitet, die es geschafft hat, mit einem geistig behinderten Kind ein normales Leben zu leben, obwohl nichts so ist wie bei anderen wirklich normalen Familien. Es sind die widersprüchlichen Handlungsweisen der einzelnen Figuren, die Höhen und Tiefen, die sie durchlaufen, die die Lesenden einfach fesseln und auch zutiefst berühren. Und doch fragt man sich beim Lesen, wovon Laura eigentlich ihr Alltagsleben finanziert und wie es sein kann, dass sie, und das wird geschehen, so viel Zeit mit Nicolás verbringen kann, der einfach nur Zuneigung, Aufmerksamkeit und Liebe benötigt. Seine Mutter Doris versinkt immer tiefer in einer Depression, und auch sie scheint keine finanziellen Verpflichtungen zu haben. Auch die Kunstwelt um Aurelio und Alina hat genügend Geld, um Therapien, Spezialisten und vor allem hohe Kreditkartenrechnungen zu begleichen. Wenn man den Alltag realistisch beschreiben will, sollte man ehrlicher sein.