Elizabeth Strout: Erzähl mir alles, Aus dem Englischen von Sabine Roth, Luchterhand Verlag, München 2026, 400 Seiten, €25,00, 978-3-630-87749-5

„Olive Kitteridge hatte viel über die unbeachteten Leben um sie herum nachdenken müssen. Lucy Barton hatte diese Formulierung verwendet, als sie Olive besucht und die Geschichte von Olives Mutter gehört hatte. Unbeachtete Leben, hatte sie gesagt. Und das beschäftigte Olive. Auf der ganzen Welt lebten die Menschen ihr Leben, ohne dass jemand sie beachtete und nun erst ging ihr auf, was das hieß.“

Erneut kehrt Elizabeth Strout literarisch in ihre „Lebenslandschaft“ nach Maine zurück und schaut in die Alltagsroutinen ihrer bekannten Figuren, die in Crosby wohnen. Ab und zu fließen Sätze wie „Wir erinnern uns..“ ein und diese deuten an, dass vieles bereits bekannt ist. Wer die Romane „Am Meer“, „Alles ist möglich“, „Das Leben, natürlich“, „Die langen Abende“ oder „Oh, William!“ ( Alle Besprechungen dazu befinden sich in diesem Literaturblog. ) gelesen hat, dem sind die Namen Olive Kitteridge, Lucy Barton, William Gerhardt oder Bob Burgess durchaus geläufig.
Im Zentrum von „Erzähl mir alles“ steht nun Bob Burgess, der als Anwalt einst in New York tätig war und nun mit seinen fünfundsechzig Jahren ab und zu noch Mandate übernimmt. Seit fünfzehn Jahren lebt er mit seiner Frau Margaret, einer unitarischen Pastorin, im Küstenstädtchen. Keine innige, aber doch mit den Jahren gefestigte Beziehung verbindet Bob mit seinem Bruder Jim, der in New York wohnt und mit Helen verheiratet ist. Befreundet ist Bob mit der bekannten Autorin Lucy Barton, die mit ihrem Ex-Mann William nach den Pandemie – Erfahrungen beschlossen hat, in Crosby zu bleiben. Lucy und Bob gehen gern zusammen spazieren, reden über ihre Familienprobleme, Ängste, aber auch Politik oder Alltagssorgen und manche munkeln, auch die etwas ruppige, nun neunzigjährige Olive Kitteridge, dass die beiden wohl verliebt seien. Olive lebt in einer Seniorenresidenz und empfängt dort ihre Besucher, u.a. auch Lucy Barton, die ihr Geschichten erzählen soll. Aber auch Olive lässt sich nicht lang bitten und revanchiert sich mit ihren Geschichten, die sich oft um Einsamkeit in der Ehe, Geheimnisse, aber auch Liebe oder Tod drehen.
Inmitten der realistischen, wie alltäglichen Geschehnisse, die im Herbst beginnen, verschwindet in Crosby die sechsundachtzigjährige Gloria Beach, eine unsympathische, keifende Frau, die mit ihrem Sohn Matthew in einem Häuschen lebt. Hinter vorgehaltener Hand vermuten die Nachbarn, dass der Sohn, ein begabter Maler, die Mutter möglicherweise getötet hat. Doch niemand würde es ihm verdenken.
Immer wieder erzählt Elizabeth Strout zwischen den Alltagspassagen die oftmals tragischen Lebensgeschichten, u.a. von Gloria Beach und ihrer Tochter Diana, aber auch die der ersten Frau von Bob, Pam, die als reiche New Yorker Ehefrau dem Alkohol verfallen ist und ihr Leben als öde und sinnlos empfindet. Und bei all den wortreichen, bewegenden Geschichten über andere Menschen und deren Schicksale wird immer deutlicher, dass z.B. Bobs Bruder Jim nicht in der Lage ist, seinem Bruder vom baldigen Tod seiner Frau Helen zu erzählen.
Elizabeth Strouts Romane über Crosby und seine Einwohner lesen fühlt sich an, als würde man gute Nachbarn treffen und wieder nach Hause kommen. Alle sind mit ihren Freuden und Sorgen, dem Leben eben, beschäftigt und manches was, Olive Kitteridge vermutet, könnte auch wahr sein.
Die amerikanische Autorin umkreist die Generation der Leute um die sechzig, die glauben, dass sie ihr Leben unter Kontrolle haben und vielleicht stimmt es oder auch nicht. Bob Burgess Tage zwischen Herbst und Frühjahr jedenfalls fließen nicht einfach so dahin, sie werden von vielen Ereignissen geprägt, die sein Gefühlsleben doch mächtig erschüttern. Und nicht nur seines.
Wie immer ein Lesegenuss!