Elin Hilderbrand: Der letzte Sommer in Nantucket, Aus dem amerikanischen Englisch von Caroline Viseneber, Atlantik bei Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg 2026, 444 Seiten, €19,00, 978-3-455-02126-4
„’Wir haben alles richtig gemacht‘, klagt Leslee. ‚Und trotzdem ist es immer das Gleiche: Wir kommen irgendwo hin, werden eine Zeit mit offenen Armen empfangen und dann ausgegrenzt. Warum?‘
Weil ihr nicht authentisch seid?, denkt Coco. Weil ihr alles immer als Tauschgeschäft versteht? Weil ihr unerträglich neureich seid?“
Die amerikanische Autorin Elin Hilderbrand kennt sich bestens in Nantucket aus, denn sie wohnt dort seit 1994. Und sie liebt es, über die Schwächen der Schönen und Reichen zu schreiben, u.a. in ihrem Roman „Inselglück“ aus dem Jahr 2012 ( Die Besprechung findet sich in diesem Literaturblog. ) und in ihrem Roman „ The Perfect Couple“, verfilmt für Netflix unter dem Titel „Ein neuer Sommer“.
Auf Nantucket, der traumhaft schönen Insel, klingt langsam der Sommer aus und Polizeichef Ed Kapenash, den alle schätzen, muss nach einer Bypassoperation endlich einsehen, dass der Ruhestand nahe ist. Seine Nachfolgerin Zara Washington ist schon berufen und alles hätte eigentlich ganz friedlich ausklingen können, wären da nicht die Richardsons. Der steinreiche Australier Bull und seine kapriziöse Frau Leslee zogen zu Beginn des Sommers in ein riesiges Haus am Strand, dass allerdings, so die Voraussagen, in gut hundert Jahren im Meer versinken wird. Aber die Richardsons konnten weder dem Privatstrand und noch dem großen Garten widerstehen und wollten mit dem Umzug ihrem Nomadenleben eine Ende setzen. Als sie die junge Colleen Coyle, genannt Coco, in einer Bar auf einer anderen Insel trafen, boten sie ihr gleich den Job als persönliche Concierge an.
Nach und nach führt Elin Hilderbrand nun Figuren ein, die sich mehr oder weniger mit den Richardson bekannt machen und bei ihren wilden Partys ausgelassen feiern. Coco jedenfalls hat alle Hände voll zu tun und akzeptiert ein horrendes Gehalt, allerdings steht ihr kein freier Tag zu und sie muss achtgeben, dass die Steuerbehörden ihr nicht auf die Schliche kommen. Für Leslee Richardson, die selbst einst wie Coco als Barfrau gearbeitet hat, tätig zu sein, ist mehr als anstrengend, zumal sie extravagante Wünsche hat und immer nach Aufmerksamkeit giert. Bull kennt seine Frau und versucht, zwischen Coco und ihr zu vermitteln. Mit ihrem Äußeren, Coco liebt Tatoos und Piercings, fällt die junge Frau auf der Insel ziemlich auf. Sie hat ein Drehbuch über ihre schwierige Kindheit geschrieben und hofft insgeheim, dass Bull, der auch Filme nicht gerade erfolgreich produziert, sich für ihre Arbeit erwärmen könnte.
Auf jeden Fall finden nun fantastische Motto – Partys bei den Richardsons statt und Leslee gefällt sich darin, vermeintlich neue Freundinnen mit Schmeicheleien, guten Kontakten und Geld zu umgarnen und sie flirtet zu gern mit den jungen Männern im Ort. Dies führt zu Eifersucht und Hass gegen die Richardsons, die beide aus einfachen Verhältnissen stammen und mit nicht gerade legalen Mitteln ihren Reichtum mehren. Dass Bull, der gern direkt seine Meinung sagt, schon mal die Steuerbehörde am Hals hat, ist bekannt.
Leslee hingegen hat einerseits panische Angst vor Armut, kauft dann aber absolut teure Amalfi – Zitronen aus Italien. Sie prahlt mit ihren Spenden für Bedürftige, löst die Schecks allerdings nie ein.
Nach und nach schwindet die Begeisterung der sogenannten Freundinnen für Leslee, die immer im Mittelpunkt stehen muss und auch Bulls neueste Investorenpläne zerschlagen sich. Und dann geschieht das Unglück. Während einer Party der Richardsons auf ihrer Jacht, die feiernden Teilnehmenden kennen das oberflächliche Paar kaum, verschwindet Coco. Und zeitgleich brennt das wunderschöne Haus der Neureichen bis auf die Grundfesten ab. Ed Kapenash übernimmt gegen den Rat seiner Nachfolgerin die Ermittlungen, denn Coco ist eine gute Freundin seiner Tochter Kacy. Hat Coco aus Wut über Bulls Ablehnung ihres Drehbuches das Haus in Brand gesetzt und ist getürmt? Was ist mit der jungen Frau geschehen, die auch noch einen heftigen Streit mit Leslee angezettelt hatte?
Zeitversetzt erzählt Elin Hilderbrand von Menschen, die Dank ihres Vermögens sich alles leisten können. Sie haben Einfluss, sie bringen Freundschaften auseinander, sie nutzen die Tatsache aus, dass alle von ihnen profitieren wollen und dabei sein. Doch auch die Richardsons sind gierig nach einem begeisterten Publikum, dass sie anhimmelt. Dabei haben Bull und Leslee nichts Sympathisches an sich. Sie verachten Menschen, die gern lesen und sich bilden, sie achten nur auf Äußerlichkeiten und Marken und sie sehnen sich nach gesellschaftlicher Anerkennung und Bewunderung, die durch nichts gerechtfertigt ist und kaum nachvollziehbar.
Ist das ein Spiegelbild der amerikanischen Gesellschaft, deren vulgärer wie ungebildeter Präsident keine moralischen Werte kennt, sich schamlos durch sein Amt bereichert und dümmlich stolz darauf ist, dass er alles mit Gold ausstatten kann? Eigentlich nur erbärmlich und langweilig,hätten diese Menschen nicht durch demokratische Wahlen so viel Macht erlangt.