David Hewson: Das Borgia Porträt – Ein Venedig – Krimi, Aus dem Englischen von Birgit Salzmann, Folio Verlag, Wien 2026, 309 Seiten, €22,00, 978-3-85256-927-7
„Was wollte Lucia uns sagen? Dass sie selbst Corneille war, ein vom Schicksal bestimmtes Werkzeug der Gerechtigkeit, der Rache sogar? Aber wozu? Und wer der korrupte, sexbessessene Casanova? Chas Hawker? Enzo Canale? Ein ganz anderer Mann? Oder die Männer im Allgemeinen?“
Wie in seinem Vorgängerroman ist die Hauptfigur der spannenden Geschichte die Lagunenstadt Venedig, allerdings stehen nicht die touristischen Hotspots im Mittelpunkt der Handlung, sondern die verborgenen Zeichen, die von einer langen Geschichte dieser phänomenalen Stadt zeugen. Und es schwingt etwas Tragisches wie Morbides mit, wundersame Gefühle, die zu Venedig gehören.
(Die Besprechung des ersten Venedig – Krimis ist unter folgendem Link in diesem Literaturblog zu finden: http://karinhahnrezensionen.com/lese24/david-hewson-die-medici-morde-ein-venedig-krimi/ )
Der pensionierte Archivar Arnold Clover soll sich auf Bitte seiner guten Bekannten Valentina Fabbri, Capitano bei den Carabinieri, um die Engländerin Lizzie Hawker, die kein Italienisch spricht, kümmern. Dabei ist die neununddreißigjährige Frau, was sie immer ablehnt, eine Contessa und mögliche Erbin eines sehr in die Jahre gekommenen uralten Palazzos am Canale Grande, auf dessen Erhaltung die Stadt Venedig drängt. Allerdings ist Lizzie völlig mittellos. Ihr Vater, Chas Hawker, einst ein berühmter Musikproduzent, ist vor kurzem verarmt verstorben und ihre Mutter, Lucia Scacchi, Contessa aus einer ebenfalls völlig verschuldeten, aber angesehenen Familie in Venedig, hat sie verlassen, da war sie fünf Jahre alt. Um diesen Palazzo ranken sich viele Geheimnisse und vor allem düstere Schauergeschichten, was den Immobilienhai Enzo Canale nicht davon abhält, Anspruch zu erheben. Er behauptet, er hätte Lucia, die auch seine Geliebte vor Chas Hawker war, damals bereits eine Anzahlung zukommen lassen. Bei der ersten Besichtigung des windschiefen Palazzos stoßen Lizzie und Arnold auf Ratten, Vogelnester in den Räumen, aber auch eine verweste Leiche, die das Blumenkleid von Lucia trägt. Unter dieser Leiche entdeckt die Polizei Aufzeichnungen, die offenbar von der letzten Contessa stammen. Sie hat die fiktiven Aufzeichnungen von Casanova und einer Frau namens Madame Corneille festgehalten, die von einem berühmten, allerdings nicht auffindbaren Gemälde berichten, dass Lucrezia Borgia als nackte, verführerische junge Frau angeblich zeigt. Nach und nach stellt sich heraus, dass Chas Hawker, ohne Lizzies Wissen, wertvolle Gegenstände aus dem Palazzo verhökert hat. Doch dieses Gemälde hat Lucia, die an den Drogenexzessen ihres Mannes nicht teilgenommen hat, versteckt. Acht Rätsel müssen Lizzie, Arnold, sein Freund Luca Volpetti, ebenfalls Archivar und viele weitere Experten, die die Stadt Venedig wie ihre Westentasche kennen, lösen, um diesen Schatz in heißen Sommertagen zu bergen. Die kryptischen Hinweise in dieser von Lucia verfassten Geschichte kennt allerdings auch der widerliche Enzo Canale, der mit seinem Geld nicht nur die Stadtverwaltung schmiert. Er behauptet sogar, dass er der leibliche Vater von Lizzie sei. Als sich herausstellt, dass das Skelett unter dem Palast nicht Lucia Scacchi ist und diese fremde Frau mit Gewalt zu Tode kam, gerät Lizzies Vater immer mehr unter Verdacht, was die Tochter nicht hinnehmen kann.
David Hewson durchstreift nun mit seinen Protagonisten die nicht ausgetretenen Pfade Venedigs und lässt nebenher so einiges über die Geschichte der Stadt und ihrer berühmten Bewohner einfließen.
„Das war keine zufällige Liste irgendwelcher merkwürdigen Orte in Venedig. Ein präparierter Zwerg in einem Anatomiemuseum, von dem nicht einmal Luca je etwas gehört hatte. Ein versteckter Häuserdurchgang, der vor der Pest schützen sollte. Tote Staatsmänner in einer Krypta. Die Hunde Gottes – die Dominikaner, ein Ossuarium, das nach Allerheiligen benannt war. Und jetzt der blinde Zorn und ein Spion, der sein Gesicht nicht zeigt.“
Spannend ist dieser Krimi, der zugleich von einer detailreichen und historisch fundierten Reise in die Geschichte der berühmten Stadt Venedig erzählt, um anhand eines fiktiven Palazzos vom Zustand Venedigs heute, aber auch der faktenreich belegten Vergangenheit zu berichten.