Anna Schneider: Grenzfall – Ihr Grab in den Fluten, S.Fischer Verlag, Taschenbuch, Frankfurt a.M. 2026, 431 Seiten, €14,00, 978-3-596-71040-9

„Während Alexa die Frauen beobachtete, fiel ihr wieder ein, worüber sie in der Schlucht nachgedacht hatte. Der Mann wirkte nicht wie ein Opfer. Eher wie ein Täter. Rasch verwarf sie den Gedanken wieder.“

Orkanartig fegt ein heftiger Sturm begleitet von Wassermassen über die Grenzregion Karwendel, wobei die deutsche Seite mit voller Wucht gegen Überschwemmungen ankämpfen muss und die österreichische Seite ebenfalls betroffen ist, aber nicht so existentiell. Alexa Jahn von der Kripo Weilheim und ihr Kollege Huber arbeiten Hand in Hand mit dem Katastrophenschutz, dem THW und anderen Hilfsorganisationen. Sie organisieren die Evakuierungen und kümmern sich am Telefon um verzweifelte Menschen, die ihre Angehörigen suchen. Bereits sind hunderte Menschen vermisst und Alexa kann nur beruhigen. Neben vielen anderen spricht sie mit Hanna Schorn, die ihren Vater Ottmar sucht. Er ist mit dem Traktor vom weit abgelegenen Hof gefahren und nicht mehr zurückgekehrt. Auch Bernhard Krammer vom LKA Tirol schlägt sich mit Vermisstenanzeigen herum, obwohl er die der sehr reichen Familie Gehringer zuerst nicht so ernst genommen hat. Die fast volljährigen Kinder, Benjamin und Merle, sind trotz bedrohlichem Wetter mit vier Freunden zu einer Schutzhütte aufgebrochen. Da die Eltern kein Lebenszeichen von den Kindern erhalten haben, hoffen sie auf die Hilfe der Polizei. Allerdings haben sie keine Ahnung, wohin die Gruppe mit ihren Fahrrädern gefahren ist und wer diese Freunde eigentlich sind. Krammer findet in den Zimmern der Gehrlinger Kinder Hinweise, kontaktiert die Eltern der Freunde und entdeckt, dass ein gewisser Paul Moser bei der Gruppe ist, der bereits wegen Stalking und übergriffigem Verhalten polizeibekannt ist.
Anna Schneider führt in diesem neuen sechsten Band wieder verschiedene Handlungsstränge zu einem zusammen, bei dem Vater und Tochter, also Bernhard Krammer und Alexa Jahn, gemeinsam ermitteln müssen. Außerdem berichtet jemand in einem kursiven Teil von einem perfiden Spiel mit einer jungen Frau in den Bergen und eine unbekannte Frau schildert ihre grausige Gefangenschaft, in deren Verlauf sie ein Kind geboren hat, dass man ihr allerdings weggenommen hat. Durch die Wassermassen allerdings wird gerade auf der deutschen Seite vieles hochgeschwemmt, dass vorher nicht sichtbar war. Hinzu kommt, dass eine aufgeregte Frau, die beinahe mit ihrem Camper in die Tiefe gestürzt wäre, davon erzählt, dass sie bei einem einsamen Hof den furchtbaren Schrei einer Frau gehört habe und dass ein aggressiver Mann auf ihren Camper eingeschlagen habe. Sie hatte voller Angst die Flucht ergriffen und machte sich nun Vorwürfe, dass sie nicht geholfen hat.
Alexa fällt sofort der Anruf von Hanna Schorn ein und trotz vieler anderer Aufgaben, sucht sie den Hof auf. Da Kammerer in der Nähe ebenfalls nach einer jungen Frau namens Lisa Resch sucht, die sich offenbar mit einem Mann, der sich für Paul Moser ausgibt, auf eine Wanderung begeben hat, treffen sich beide beim Hof. Seltsam ist, dass Alexa in der Pähler Schlucht Ottmar Schorn findet, der allerdings nicht verunfallt ist, sondern mit einem Schraubenzieher ermordet wurde. In der Nähe liegt sein umgekippter Traktor und ein Jeep steht bei einem heruntergekommenen Haus, bei dem die Ermittler Spuren finden, die darauf hinweisen, dass jemand barfuß unterwegs ist. Ist Tochter Hanna völlig aufgelöst von den Nachrichten der Polizei, scheint ihre Mutter gefühllos, fast gelassen. Alexa jedoch beunruhigt der unheimliche Blick von Hannas Mutter und sie erkennt auch, dass die Frau sie schamlos belügt.
Dass es nicht nur bei einer Leiche an diesem Ort bleiben wird, schockiert die Ermittler. Aber auch zwischen den Jugendlichen in der Hütte kommt es zu Konflikten, an deren Ende ebenfalls eine Tote zu beklagen ist.
Wie nun all dies zusammenhängt, liest sich äußerst spannend, denn die Ermittler, Vater und Tochter, sind engagiert und vor allem sehr empathisch. Und diese Haltung, die immer wieder durchschimmert, macht, dass man die Lektüre trotz aller Gräuel mit gespannter Erwartung und Interesse durchhält. Anna Schneider vermischt reale Hintergründe mit fiktiven Orten und hat sich diesmal von den Geschehnissen rund um die Katastrophe im Ahrtal inspirieren lassen.