Amy Tintera: All your pretty lies, Glaubst du deinen Lügen?, Aus dem Englischen von Larissa Bendl, Penguin Verlag, München 2026, 448 Seiten, €16,00, 978-3-328-11270-9
„Niemand glaubt Frauen, die sich wehren. Wenn ein Mann um sich schlägt, heißt es, er habe die Kontrolle verloren oder einen schrecklichen Fehler begangen. Wenn eine Frau es tut, ist sie eine Psychopathin.“
Lucy Chase ist eine streitbare wie pragmatische Frau, die seit gut fünf Jahren in Los Angeles lebt, unter Pseudonym erfolgreich Liebesromane schreibt und ihren Freund Nathan, den sie ganz klar als Egoisten durchschaut hat, demnächst verlassen wird. Als Ich – Erzählerin schlägt die Neunundzwanzigjährige einen ziemlich sarkastischen wie desillusionierten Ton an und das mag Gründe haben. Immerhin hat sie wenig Lust in ihre Heimatstadt Plumpton, in Texas, zu reisen, denn dort halten sie, obwohl sie nie von der Polizei inhaftiert wurde, da die Beweise fehlten, alle für die Mörderin ihrer besten Freundin Savannah Harper. Nach einer Hochzeitsfeier vor fünf Jahren fand man die erschlagene Savvy, und nur Meter entfernt von ihr, Lucy, ebenfalls mit einer Kopfverletzung und dem Blut von Savvy an ihrem Kleid. Lucy hat keine Erinnerungen an diesen Abend und niemand glaubt ihr, sogar ihre Eltern haben Zweifel, was Lucy tief schmerzt. Nur ihre Grandma hält sie für unschuldig und bittet sie, zu ihrem achtzigsten Geburtstag nach Hause zu kommen. Die eigenwillige Großmutter, die gern ein Gläschen zu viel trinkt, hat bei ihrem Anliegen auch Hintergedanken. Neuerdings verfolgen alle einen True Crime Podcast von Ben Owens, der sich mit Savvys ungelöstem Mord in Plumpton beschäftigt. Der ziemlich selbstgefällig Ben ist in der Stadt und Grandma will, dass Lucy mit ihm zusammen endlich herausfindet, wer der wahre Mörder ihrer Freundin ist.
Parallel zu Lucys Blick auf das Geschehen, veröffentlicht Ben in kurzen Abschnitten seinen Podcast, mit Interviews von Familienmitgliedern von Lucy, Freunden noch aus der Schulzeit und Bekannten, aber auch Menschen, die Savvy sehr gut kannten. In den Erinnerungen, die ungefiltert nun der Öffentlichkeit preisgegeben werden, wird deutlich, dass Savvy eine freundliche, immer gut gelaunte, junge Frau war und Lucy eher eine dunkle Seite hatte. Lucy hatte den liebenswerten Matt mit zweiundzwanzig Jahren geheiratet. Doch die Ehe hielt nicht lang und Matt trennte sich von Lucy kurz nach dem Mord an Savvy.
Gemeinsam mit Ben wird Lucy, die mit einer inneren aggressiven Stimme leben muss, nach und nach freilegen, was wirklich an diesem Abend geschehen ist. Immerhin wurde auch Lucy angegriffen und offenbar war nicht nur eine dritte Person am Tatort. Als Lucy Matt, dessen zweite Ehe auch gerade in die Brüche geht, wiedersieht, erinnert sie sich an Gespräche, die sie mit Savvy geführt hat. Nur Savvy weiß, dass der nach außen hin so sympathische Matt, der kein Wässerchen trüben kann, in seinen vier Wänden ein brutaler Schläger ist. Lucy hat sich dem nicht ausgeliefert und gnadenlos zurückgeschlagen, aber auch Savvy musste in ihrer Collegezeit Gewalt von Männern erfahren. Allein diese gemeinsame Erfahrung hat die Freundinnen zusammengeschweißt und niemals hätte Lucy ihrer Freundin etwas antun können. Doch wie ehrlich gegen Frauen gerade in Kleinstädten und in der Familie damit um, dass sie in ihren Beziehungen gedemütigt werden. Sie schämen sich und dabei müsste es doch ganz anders sein. Lucy hat sich ein dickes Fell zugelegt und vieles perlt an ihr ab, und doch ist sie sich nicht sicher, ob sie vielleicht doch ihre Freundin getötet hat. Bis ja, bis sie sich endlich erinnert.
Spannender Plot, der die Abgründe in einer Ehe spiegelt, aber auch die Unfähigkeit von Frauen, über erfahrene Demütigungen und Gewalt von Partnern gerade mit nahen Familienangehörigen zu sprechen. Allerdings ist dieser Roman keine „Weltklasse!“, wie angeblich Stephen King in seinem Blurb behauptet.