Amelie Fried: Eine von uns, Heyne Verlag, München 2026, 448 Seiten, €18,00, 978-3-453-27582-9
„Fast erwartet Nelly, dass demnächst die Wände ihres Hauses nach außen klappen und sie sich ebenfalls als Protagonistin einer Show wiederfindet: der egomanischen One Man Shitshow ihres Mannes.“
„Happy wife, happy life!“ ist Nellys Erkennungsspruch am Ende ihres Videoblogs. Und Nelly Andernach ist richtig happy, denn sie hat alles, was das Herz gegehrt. Naja, vielleicht hätte sie noch gern ein paar mehr Follower mehr. Aber egal. Sie hat zwei gesunde Mädchen, Cleo und Emma, die allerdings von Nellys Putzdarbietungen in den sozialen Medien peinlich berührt sind, einen finanziell erfolgreichen Mann und ein großes Haus mit Garten. Ehemann Tom verdient als Coach für Spitzenwirtschaftsleute enorm viel Geld und erwartet von seiner Frau, dass sie sich um die Kinder kümmert und das Haus, da er ständig unterwegs ist. Nelly ist das nur recht, so kann sie mit ihrer Zeit anstellen, was sie möchte, wie zur Maniküre, Pediküre und zum Friseur gehen, in den teuersten Läden shoppen, im Feinkostladen einkaufen und mit ihren Freundinnen Champagner trinken. Ob die Schulmuttis, die Mütter der Mitschülerinnen von Cleo, allerdings ihre Freundinnen sind, bleibt zu bezweifeln. Dass sich Nelly nicht wie eine von ihnen fühlt, mag auch daran liegen, dass Nelly nicht berufstätig ist und auch keinen Beruf erlernt hat. So schnell sie konnte, hat sie der Wirtschaft ihrer Eltern auf dem Land den Rücken gekehrt, um mit neunzehn Jahren den doch etwas älteren Tom zu heiraten und dann war auch schon Cleo auf der Welt, später Emma. Die ehrgeizige Cleo wird demnächst ihr Abitur auf der Privatschule ablegen und das Haus verlassen. Die zwölfjährige Emma kämpft mit ihren Ängsten vor Menschengruppen und schlägt sich mit Mathe herum. Nelly jedenfalls lebt in ihrer heilen Welt, bis sie eines Tages einen Anruf erhält, der ihr gesamtes Leben auf den Kopf stellen wird.
Tom liegt seit einem Fahrradunfall im Koma und Nelly muss innerhalb eines Tages damit zurechtkommen, dass ihr liebender Ehemann Pleite ist. Er hat sogar ohne Nellys Wissen das Haus verkauft und nicht mal die ausstehende Miete gezahlt. Verzweifelt versucht Nelly, die Misere vor den Töchtern zu verheimlichen, was nur zu heftigen Konflikten führt, da Cleo nun nicht mehr zur Klassenfahrt nach Frankreich mitreisen kann und all ihre Wut mit körperlichen Attacken gegen Mitschüler kompensiert. Der einzige, dem sich Nelly anvertrauen kann, ist Toms Freund Ralf, dessen Anwesenheit die Mädchen mit Misstrauen beäugen. Alles, was verkauft werden kann, kommt nun auf den Markt. Nelly kann nicht fassen, wie wenig Einnahmen sie generiert. Doch ein Finanzcoup soll sie endlich retten, aber auch dieser verläuft völlig schief. Und Nelly landet letztendlich mit ihren Kindern in einer dunklen, kleinen Wohnung irgendwo am Stadtrand und beim Jobcenter.
Beim Lesen des Buches denkt man unwillkürlich an Woody Allens erfolgreichen Film „Blue Jasmine“. Auch hier fällt eine attraktive, unwissende Frau völlig ahnungslos gesellschaftlich aus höchsten Höhen in die Tiefe. Es ist keine voyeuristische Freude, mit der man Nelly beim Absturz zuschaut, sondern eher ehrliches Erstaunen über so viel Unwissenheit und Naivität. Mögen junge Frauen in den sozialen Medien sich heute als sogenannte zufriedene Tradewifes präsentieren, könnte es auch bei ihnen bald ein böses Erwachen aus dem einen oder anderen Grund geben. Dass Nelly, die um die vierzig ist, nicht erkannt hat, dass Tom spielsüchtig ist, sagt auch etwas über ihre Ehe aus.
Amelie Fried schlägt sich ganz auf Nellys Seite und schreibt im Präsens. So sorgt sie dafür, dass die Lesenden ganz nah am Geschehen sind und erleben, wie sich Nelly aus ihrem tiefen Tal mit Zugewinn herausarbeitet. Keine Frage, ein modernes Märchen. Sehr unterhaltsam!