Sven Stricker: Sörensen geht aufs Haus, Rowohlt Taschenbuch Verlag, Hamburg 2026, 525 Seiten, €15,00, 978-3-499-01738-4
„’Wie soll die Moni denn nach Katenbüll gekommen sein?‘
‚Per Post‘, sagte Sörensen.
‚Per Post?‘
‚Korrekt. Sie verschicken nicht zufällig Pakete mit den sterblichen Überresten ihrer Frau? Irgendwohin?‘
‚Aber ich habe Ihnen doch gerade erklärt….‘
‚Ja, schöne Geschichte.‘ Sörensen erhob sich ächzend.“
Es sind diese abstrusen oft mäandernden Dialoge, die der Kriminalhauptkommissar Sörensen ( ohne Vornamen ) bei Befragungen gern führt. Auch wenn er das vielleicht gar nicht will, verbreitet er gern eine depressive Stimmung, liebt seine siebenjährige Tochter, die allerdings in Hamburg lebt, ist eifersüchtig, wenn sein Hund Cord sich anderen Menschen zuwendet und ist sauer auf Jennifer Holstenbeck, seine Kollegin, die einfach mal etwas anderes sehen möchte als das nordfriesische Kaff Katenbüll. Auch wenn die Norddeutschen eher als wortkarg verschrien sind, plappert Sörensen gern vor sich hin und betüddelt neuerdings seinen krebskranken Vater, der nun bei ihm wohnt. Auch wenn Sörensen gut zuhören kann, seine allzu offenherzigen Gedankengänge laut formuliert, vergrätzen allerdings viele Menschen. Sogar beim ersten Date nach langer Zeit erzählt Sörensen als Allererstes, dass er unter einer Angststörung leidet. Und seine Art von Hölzchen auf Stöckchen zu kommen, kann ziemlich nerven. Kriminalhauptkommissar Sörensen ist ein Original, dass man mögen oder einfach nur anstrengend finden kann.
( Besprechungen der Vorgängerbände finden sich in diesem Literaturblog!)
Um etwas Schwung in die doch leicht öde Polizeiarbeit in Katenbüll zu bringen, führt Sven Stricker die Kriminalkommissaranwärter (KKAnw ) Chiara Pagano ein. Mit ihrem Engagement und ihrer sympathischen Art beginnt sie ihr erstes Behördenpraktikum. Beim aktuellen Fall allerdings dreht es sich anfänglich nur um einen heftig andauernden Nachbarschaftsstreit im Ort. Olaf Hendrix, der mit seiner Mutter zusammenlebt, bekriegt sich mit der Familie Göttlich, den neuen Mietern der Doppelhaushälfte. Schnell wir klar, dass Tobias Schiefelbein, genannt Schiefel, der den Nachnamen seiner Frau angenommen hat, ein ehemaliger Jugendfreund von Sörensen ist.
Parallel zur Geschichte wird in kursiven Passagen von Sörensens schwerer Kindheit und Jugend in den 1980er Jahren erzählt.
Schiefel betreibt mit seinem Bruder Michael eine Softwarefirma in Hamburg und arbeitet momentan an der Entwicklung einer außergewöhnlichen App, die witzigerweise das Zusammenleben von armen und reichen Menschen finanziell revolutionieren soll. Fast in der Endphase des Projekts scheint nur noch der Datenschutz das Problem zu sein. Doch ein neues bahnt sich ebenfalls an, denn Olaf Hendrix hat nachts im Garten von Schiefel eine verweste menschliche Hand und ein paar Knochen vergraben. Dies war allerdings nicht seine Idee, sondern ein gut bezahlter Auftrag, den er, um den Nachbarn zu vertreiben, ausgeführt hat. Zeitgleich haben Thore Johansen und seine geschiedene Frau Christin anonym zugestellte Briefe erhalten, in denen behauptet wird, dass beide ihre vermisste Tochter Mia bei den Göttlichs antreffen könnten. Die sechzehnjährige Mia ist vor zwei Jahren von einer Party nicht zurückgekehrt. Schiefel hat nun Angst um seinen guten Ruf und die Reaktionen der Presse, Thore und Christin verzweifeln erneut, denn die Hand und die Knochen sind nicht von Mia, sondern einer alten Frau und Sörensen findet durch seine nervigen Befragungen heraus, wo Mia nach der Party damals war und wie es sein kann, dass ein Mann das Verschwinden seiner unausstehlichen Frau zwei Jahre verheimlichen kann.
Mag einiges in der Handlung zu konstruiert erscheinen, so legt Sven Stricker doch wie in jedem guten Krimi die Finger in die gesellschaftlichen Wunden, wie Gewalt in der Ehe, Gewalt gegen Frauen und Mädchen generell, scheinheilige Unternehmen, Verlustängste und andere Ängste und die Lage von finanziell schlecht gestellten alleinerziehenden Frauen oder Rentnern.
Filmreif sind, wie auch in den Vorgängerbänden, Szenen, in denen Sörensen sein Privatleben aufpeppen will. So trifft er sich mit seiner Internetbekanntschaft Charlotte im Dorfkrug und muss bevor sie sich an seinen Tisch setzt, alle möglichen guten Ratschläge von den üblichen Verdächtigen in der Kneipe ertragen, bis zum Wechsel seines alten Pullis gegen ein neues Hemd von einem Kneipengast. Das diese Begegnung, bei der alle in der Kneipe zuhören, nur schief gehen kann, ist vorprogrammiert.
Letztendlich wird nicht nur ein verzwickte Fall gelöst und Sörensen erkennt, dass er mit seinem einstigen besten Freund Schiefel heute nicht mehr befreundet sein möchte.