Perry Chafe: Sommer auf Perigo Island, Aus dem kanadischen Englisch von Claudia Feldmann, Mare Verlag, Hamburg 2026, 272 Seiten, €24,00, 978-3-86648-720-8

„Solomon ging lässig zu dem Objekt, das etwa zehn Meter entfernt war. Wir blieben wie gelähmt stehen.
‚Das will er uns zeigen?‘, flüsterte Bennie. ‚Wieso zum Teufel ist es wieder hier draußen?‘
‚Ist doch logisch‘, erwiderte Thomas. ‚Er will uns zwingen, Annas Leiche zu vergraben. Dann bringt er uns um und vergräbt uns gleich mit.‘
‚Du guckst zu viele Krimis‘, sagte Emily. ‚So was machen wir ja nicht mal in New York. Oder nur ab und zu.’“

In diesem Sommer des Jahres 1991 wird sich im Leben von Pierce Jacobs, dem zwölfjährigen Ich – Erzähler des Romans, der auf Perigo Island in Neufundland lebt, vieles verändern. Bereits mit neun Jahren verlor er seinen Vater, der als Fischer nicht mehr von seiner Ausfahrt zurückkehrte. Ein schwerer Einschnitt in Pierce Leben und das seiner Mutter. Beiden blieb nur das Boot, dass nun im Garten den Platz für das Gemüsebeet wegnimmt. Aus finanzieller Not würde die Mutter, die in der Fischfabrik arbeiten muss, zu gern das Boot verkaufen, doch Pierce träumt davon, es seetüchtig zu machen und mit seinen Freunden Thomas und Bennie nach Kabeljau zu fischen. Die drei Freunde sind unzertrennlich, auch wenn Thomas Bennie, der aus einer wohlhabenden Familie stammt, gern provoziert. Gemeinsam verteidigen sich die drei Freunde gegen den fiesen Ross Coles und seine Bande und machen zusammen Geschäfte mit den sogenannten Kabeljau-Zungen.
Doch nun ist die burschikose Emily, eine Cousine von Bennie, zu Besuch. Sie gesellt sich, ohne groß zu fragen, zur Jungenclique und bestaunt vieles, was für Pierce, Thomas und Bennie ganz normal ist, z.B. die Eisberge, die von Grönland kommen. Auf der kleinen Insel sorgen sich alle um die fünfzehnjährige Anna Tessier, die seit kurzem vermisst wird. Anna ist schon öfter verschwunden, aber immer wieder zurückgekehrt. Pierce überträgt ein Runzelsmiley, dass Anna ihm einst geschenkt hat, von einer Jacke zur nächsten. Mädchen werden für ihn immer interessanter, auch Emily. Freiwillige suchen die Insel ab und Emily und die Freunde beschließen ebenfalls nach Anna zu suchen. Im Verdacht haben sie den merkwürdigen Solomon Vickers, der in der Nähe des alten Sanatoriums haust. Sie beobachten ihn und stellen fest, dass er einen sargähnlichen Gegenstand unter einer blauen Plane verborgen hält. Besonders Pierce traut ihm nicht über den Weg bis zu dem Moment, wo klar wird, was Solomon beruflich auf der Insel eigentlich macht. Da die Jungen bei Solomon im Haus einiges kaputt gemacht hatten, müssen sie ihm nun helfen. Als Meeresbiologe katalogisiert er diverse Glasbehälter einer Sammlung seltsamer Meerestiere. Und das Wesen im sogenannten Sarg entpuppt sich nicht als Annas Leiche, sondern als Riesenkalmar.
Da der Fischfang für die Leute auf Perigo Island rückläufig ist, überlegen viele Einwohner die Insel zu verlassen, auch Pierce Mutter. Die Jungen spüren die Veränderungen und sie wissen, dass sie ab der sechsten Klasse zum Festland fahren müssen und dort sind die fiesen Typen noch schlimmer als auf der Insel.
In unsentimentaler Prosa, dialogstark, berührend, warmherzig, witzig und atmosphärisch präzise zeichnet Perry Chafe in vielen Szenen ein äußerst lebendiges Bild von einer Freundschaft zwischen sehr unterschiedlichen Jungen, ihrem ersten Interesse für Mädchen, aber er erzählt auch von Verlust, Trauer und Tod. Über allem liegt eine leichte Melancholie, denn nichts wird auf dieser Insel so bleiben wie es einmal war. Nur die Märchen der alten irischen Siedler über Kobolde werden noch erzählt. In assoziativen Rückblenden rekapituliert er Ereignisse aus Pierce Leben, nicht in chronologisch geordneter Reihenfolge, sondern willkürlich-sprunghaft. Und er gewährt einen Ausblick auf die Zukunft seines Protagonisten, die vor allem mit Solomon zu tun haben wird.

Wunderbare Lektüre!