Alexander Oetker: Strandgut, Luc Verlains überraschendster Fall, EIN AQUITAINE – KRIMI, Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg 2026, 318 Seiten, €18,00, 978-3-455-02122-6
„Es war merkwürdig, dachte Luc, dass es hier so normal war, nackt zu sein, dass es nun eher für ihn selbst komisch war, angezogen zu sein. Es war, als beäuge man ihn – so war das wohl in einer Mehrheitsgesellschaft, dass sich die wenigen, die anders aussahen, vorkamen wie Fremdkörper.“
Ganz in der Nähe von Bordeaux zwischen Monta und Grayan befindet sich ein herrliches Stück Erde, ein dichter Wald und ein wunderbarer Sandstrand. Und genau hier treffen sich in jedem Sommer tausende Urlauber, um ihre Ferien zu verbringen. Zum einen reisen sie mit ihren Campern an, zum anderen hatte die Gemeinde Grayan vielen Franzosen, aber auch Deutschen erlaubt, hier ihre Blockhütten und sogar Häuser zu bauen. Durch die Erbpachtregel wurde ihnen das Wohnrecht für neunundneunzig Jahre garantiert. Auf diesem nun größten Campingplatz Europas, genannt Euronat, erholen sich Engländer, Niederländer, Deutsche oder Franzosen und in einem klar abgegrenzten Bereich gehört es dazu, nackt zu sein. Seit einiger Zeit jedoch schwirrt ein Gerücht herum, dass Anne Dujardin, die konservative Bürgermeisterin, die aus Paris stammt, etwas gegen die Nudisten hat und ihnen die Stellplätze und Pachtverträge kündigen will. Leider ist das laut des Vertrags sogar möglich. Die ehrgeizige Anne Dujardin möchte gern Investoren anlocken und dann auf dem Areal am Strand Hotels bauen lassen. Commissaire Luc Verlain ist kein Freund der Freikörperkultur und staunt doch, als sein guter Freund, der Journalist Robert Dubois, ihn darauf hinweist, dass es sicher bald Ärger in der Gemeinde geben wird, wenn Anne Dujardin ihre Pläne auf einer baldigen Pressekonferenz verkünden wird. Um sich Rückenwind aus Paris zu holen, hat die Bürgermeisterin ihren ehemaligen Chef Guy Martinez, einen rechten Hartliner, eingeladen. Er ist heute Staatssekretär im Verteidigungsministerium und bekannt für seinen Aufstiegswillen.
Alexander Oetker hat seine Handlung so konzipiert, dass die Lesenden aus den verschiedenen Perspektiven der Protagonisten Informationen zugespielt bekommen. Sie wissen somit, dass Guy Martinez in diesem heißen Juli einen ganz bestimmten Plan verfolgt. Wie dieser aussehen soll, werden sie allerdings erst am Ende des Romans erfahren. Auf der gut besuchten Pressekonferenz jedenfalls kommt auch Martinez zu Wort und spricht insbesondere die Frage der Moral an, die sich natürlich auf die Nacktheit der Touristen bezieht. Ein Tumult bricht los, doch Anne Dujardin ist äußerst zufrieden. Als dann nur einen Tag später eine splitternackte Leiche am Strand gefunden wird, ist Luc Verlain mehr als überrascht. Denn das Tatopfer ist Guy Martinez, der der Bürgermeisterin nach der Pressekonferenz versichert hatte, dass er sofort nach Paris zurückreisen muss. Luc Verlain, seine Partnerin Anouk Filipetti, die ebenfalls bei der Polizei arbeitet und die neue Mitarbeiterin Rose Schillinger stehen vor einem großen Rätsel. Hatte doch Martinez allen Beteiligten klar bei seiner kurzen Rede signalisiert, dass er den FKK – Campingplatz und seine Nutzer verachtet. Doch gleich danach hat er ein Zelt gekauft und sich an der Anmeldung vorbei auf dem Platz niedergelassen. Seinen Verletzungen nach wurde er mit einem harten Schlag auf den Hinterkopf getötet. Allerdings entdeckt die Pathologie eine andere Todesursache.
Luc Verlain beginnt nun mit seinen Ermittlungen, obwohl er weiß, dass er seine Erkenntnisse bald mit dem Armee-Geheimdienst teilen muss. Natürlich stellt sich die Frage, welches doppelte Spiel der konservative Politiker hier spielte? Dass es auf dem FKK – Platz auch einen Abschnitt für homosexuelle Paare gibt, wissen alle. Und als Luc Verlain in Paris mit dem vor allen versteckten Lebenspartner von Martinez spricht, wird einiges klarer. Doch welche Absichten verfolgte Martinez und warum wurde er ausgerechnet am FKK – Strand ermordet? Und werden die Urlauber künftig nicht mehr an ihren geliebten Atlantik reisen können oder gibt es doch eine juristische Spitzfindigkeit zu ihrer Rettung?
All diese Fragen beantwortet Alexander Oetker in seinem spannenden, atmosphärisch gut geschriebenen Krimi, in dem sogar Luc Verlain für einen Ermittlungserfolg seine Hüllen fallen lassen muss. Aber was tut man nicht alles, um einen Mörder dingfest zu machen.
Sehr empfehlenswert!
Weitere Besprechungen zu Luc Verlains Fällen sind in diesem Literaturblog zu finden!