Fabio Nola: Commissario Gaetano und das letzte Abendmahl, Ein Neapel-Krimi, Deutscher Taschenbuch Verlag, München 2026, 480 Seiten, €13,00, 978-3-423-22122-1
„Gaetano ließ den Blick übers Meer gleiten. Die Dämmerung war fortgeschritten, und die tiefstehende Sonne ließ goldgelbe Kämme auf den Wellen tanzen. Am Horizont leuchtete die Wasseroberfläche blutrot. Er blinzelte in das Inferno, bis ihm die Augen tränten. Was er in Torre del Greco zu finden hoffte, wusste er selbst nicht. Einen vergrabenen Schatz? Was hatte Paolo da draußen getrieben?“
Commissario Salvatore Gaetano hat Urlaub, um die Ostertage bei seiner Familie fernab von Neapel in San Pietro im Weinanbaugebiet zu verbringen. Der Fünfzigjährige hadert jedoch mit seiner schwangeren und ziemlich fordernden Nichte Carla, ihrem Ehemann Michelle, der nach neuen Käufern für seinen Wein sucht, und er denkt an seinen kranken Bruder Aniello. Ostern ist die Zeit der traditionellen Gerichte, der Kirchgänge, der Gemeinschaft, doch Gaetano ist fast froh, dass Beppa Belucci, seine Auszubildende bei der Polizei in Neapel, ihn am Karfreitag anruft. Im extrem verdreckten Hafenbecken wurde die Leiche von Paolo Marchesi gefunden, der am Gründonnerstag angeblich eine Forschungsstation der Firma Spirafarm kontrolliert hat. Verletzungen am Kopf könnten von Schiffsschrauben herrühren, die Narben am Körper, das stellt sich später heraus, stammen von Muränen. Der tote, zweiundvierzigjährige Biologe beschäftigte sich in der Firma Spirafarm mit der Entwicklung von Algen. Schnell möchte Gaetanos Chef Gabriele und auch alle, die nun an Ostern arbeiten müssen, einschließlich Staatsanwalt Dottore Cardoso, den Fall vom Tisch haben. Doch die ehrgeizige Beppa will „ihre Leiche“ nicht so eilig loslassen. War es nun ein Unfall, Suizid oder gar Mord? Die Witwe Laura Marchesi versucht der Polizei zu verdeutlichen, dass ihr charismatischer und humorvoller Mann eine Herzschwäche hatte und nach einem Schwächeanfall im Wasser ertrunken sei. Die Todesursache spielt für sie eine wichtige Rolle, wenn es um die Auszahlung der Lebensversicherung geht, und auf die ist die Witwe angewiesen. Immerhin lebt die Familie in einem noch nicht fertig gebauten Haus. Wie Paolo Marchesi alle anfallenden Ausgaben, Kredite, Lebenshaltungskosten, das extrem teure Heim seines Bruders Vito, die Orgelstunden seiner Frau und vieles mehr, mit seinem recht guten Gehalt als Wissenschaftler bei Spiraform begleichen konnte, bleibt den Ermittlern ein Rätsel. Hatte er noch weitere Konten und Einnahmen? Außerdem wollte Marchesi seinen im Koma liegenden Bruder Vito aus dem teuren Pflegeheim zu sich holen. Laura Marchesi war mit dieser Entscheidung nicht einverstanden, denn sicher würde die aufwendige Pflege des Kranken, der als Jugendlicher fast ertrunken wäre, wofür Paolo sich schuldig fühlt, an ihr hängenbleiben. Bei den Befragungen des Umfelds von Marchesi häufen sich immer mehr Lügengebäude auf. So behauptet Marchesis schwangere Psychologin, dass sie seine Geliebte sei und er sich auf das Kind freuen würde. Eine dreiste Lüge. Wollte sie damit dafür sorgen, dass nicht der Eindruck entsteht, dass Marchesi erdrückt von seinen Schuldgefühlen und depressiven Schüben, vielleicht doch Selbstmord begangen hat? Doch Marchesi war an diesem Gründonnerstagabend nicht bei der Psychologin, er war auch nicht bei der Forschungsstation im Hafen, die es längst nicht mehr gibt. Wo hat er das Abendmahl eingenommen und wer hat ihn verraten? Die Polizeiarbeit rund um diesen Fall gerät immer wieder ins Stocken, denn auch der Staatsanwalt will verhindern, dass Spirafarm als boomende Firma in Neapel in die Schlagzeilen gerät. Bei der Motivsuche bleiben die Polizisten, wie kann es anders sein, natürlich beim Tricksen um Geldeinnahmen hängen. War der Tote vielleicht ein Industriespion, wollte ein Kredithai mit der Gewährung einer großen Summe für Marchesi sein Geld von einem Bankraub waschen? Und was hat die gelbe angerissene Zertifikatsbescheinigung, die bei den Sachen des Opfers gefunden wurde, mit dem Mord zu tun? Sind die kostbaren wie hochpreisigen Algen, die in Edelpizzerien als Wundermittel aufs Essen geträufelt werden, die Ursache für den Mord? Allerdings konnte die Polizei bei der Firma keine Schwachstelle finden, um etwas abzuzweigen. Marchesi trieben viele Ängste um und er kämpfte mit einem Trauma, dass er nicht mit Algendragees, wie angenommen behandelte, sondern mit Psychopharmaka. Als dann plötzlich Pizzabäcker in Neapel von einem bekannten Clan hingerichtet werden, müssen sich die Ermittler sputen und endlich den wahren Täter fassen.
Fabio Nola, ein deutscher Historiker, kennt Neapel bestens und so vermag er es auch, die unverwechselbare Atmosphäre der Stadt mit ihren Bewohnern sprachlich einzufangen. So fesselnd wie der aktuelle, zweite Fall von Gaetano mit all den unerwarteten Wendungen ist, so interessant sind die ambivalenten Figuren, die sich Fabio Nola ausgedacht hat. Bei allem Ernst der Geschichte schmunzelt man doch über die liebenswerten auch ruppigen Neapolitaner, die ohne Respekt vor der Polizei ihrem Tagwerk nachgehen.
Empfehlenswert!